MSC ist an einer Übernahme der rund 80-prozentigen Staatsanteile an der Meyer Werft interessiert. Der Bund und das Land Niedersachsen halten seit der Rettung der Werft im Jahr 2024 jeweils 40 Prozent, die Familie Meyer ist noch mit rund 20 Prozent beteiligt. Ein Einstieg von MSC würde die bereits enge Geschäftsbeziehung zwischen der Kreuzfahrtreederei und der Meyer Werft weiter vertiefen. Im Dezember 2025 hatten beide Seiten eine Absichtserklärung über den Bau von vier Kreuzfahrtschiffen sowie zwei weitere Optionen unterzeichnet. Die neue Schiffsklasse mit dem Namen „New Frontier“ soll jeweils bis zu 5.400 Passagiere aufnehmen können. Die Auslieferungen sind ab 2030 vorgesehen. Das Gesamtvolumen des möglichen Auftrags wird mit bis zu rund zehn Milliarden Euro angegeben.Ein fester Bauauftrag ist bislang noch nicht bekanntgegeben worden.
Die Meyer Werft war 2024 in eine existenzbedrohende finanzielle Schieflage geraten. Bund und Niedersachsen stellten für die Rettung zusammen 400 Millionen Euro Eigenkapital bereit und übernahmen Kreditgarantien in Höhe von 2,6 Milliarden Euro, für jeweils 40 Prozent Anteile. Ein Verkauf der staatlichen Beteiligungen würde grundsätzlich dem Ziel entsprechen, dass sich Bund und Land nach der Stabilisierung der Werft wieder zurückziehen. Nach dem Sanierungsplan soll die Werft bis Ende 2028 wieder wirtschaftlich stabil und eigenständig sein. Die Bundesregierung bezeichnete den Einstieg bereits 2024 als temporäre Maßnahme. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies hatte zuletzt allerdings betont, dass es in dieser Frage keinen Zeitdruck gebe. Die Meyer Werft beschäftigt rund 5.000 Mitarbeiter an ihren Standorten in Papenburg und Rostock, darüber hinaus hängen mehr als 20.000 weitere Arbeitsplätze in der Region vom Unternehmen und seinem Zuliefernetzwerk ab.
Gleichzeitig hat sich die wirtschaftliche Situation der Werft zuletzt verbessert, auch wenn die Sanierung noch nicht abgeschlossen ist. Nach den Ende August veröffentlichten Zahlen für 2025 steigerte der Meyer-Werft-Konzern seinen Umsatz von 1,37 Milliarden Euro auf 2,83 Milliarden Euro. Der Verlust nach Steuern ging von 569,2 Millionen Euro im Jahr 2024 auf 383,8 Millionen Euro zurück. Auch das operative Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen verbesserte sich deutlich, blieb mit minus 251,8 Millionen Euro aber negativ. Die Werft betont, dass darin weiterhin Belastungen aus alten, nicht profitablen Aufträgen enthalten seien und die Sanierung planmäßig verlaufe. Für 2026 erwartet das Unternehmen eine weitere deutliche Verbesserung des operativen Ergebnisses in Richtung eines ausgeglichenen Ergebnisses. Ein möglicher Einstieg von MSC könnte auch Auswirkungen auf die Kundenstruktur der Werft haben. Neben MSC gehören unter anderem Unternehmen aus dem Carnival-Konzern sowie Disney Cruise Line zu den Auftraggebern.
Ingo Thiel ist Reisejournalist, Buchautor und Kreuzfahrtexperte. Seit mehr als 25 Jahren veröffentlicht der Lübecker Reportagen in Tageszeitungen, Magazinen und Fachzeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf zahlreichen Reisen und Expeditionen lernte er viele Kreuzfahrtschiffe verschiedener Reedereien kennen.