Juli 30, 2026

Von der Nordsee zur Ostsee: Unterwegs mit der Sans Souci auf dem Nord-Ostsee-Kanal

Sans Souci Nord-Ostsee-Kanal

Juli 30, 2026

Ein strahlender Sommermorgen über dem Hamburger Hafen, als das Flusskreuzfahrtschiff am frühen Morgen vom Cruise Terminal Steinwerder aufbricht. Vorbei am Nobel-Viertel Blankenese, den Airbus-Werken und der Schiffsbegrüßungsanlage Schulau – dort wird die Flagge gedippt – und einem der größten Containerschiffe der Welt mit rund 400 Metern Länge und 22.000 Stahlkisten an Bord.

Sans Souci Nord-Ostsee-Kanal

 

Vor Brunsbüttel wirft die von einem steifen Westwind aufgeraute Elbe Schaumköpfe auf und leckt mit ihrem lehmbraunen Wasser die Scheiben. Der Lotse steigt über, wobei er nicht wie sonst klettern muss. Sein Versetzboot und das Sans Souci-Deck sind gleich hoch. Sozusagen auf Augenhöhe. Nach einer halben Stunde in der Schleuse ist das Schiff auf den Kanalwasserstand angehoben und das große Tor öffnet sich. „Freie Fahrt nach Osten!“, signalisiert die Verkehrslenkung und der Kapitän gibt das Zeichen zum Lösen der Leinen: „Klar vorn und achtern!“ In das internationale Sammelsurium von Schiffen kommt Bewegung. Langsam formiert sich daraus zwischen den Ortsteilen von Brunsbüttel ein Konvoi mit Kurs Ost. Der Lotse sowie Kapitän Peter Grunewald aus dem Saale-Örtchen Mukrena freuen sich: „Dann sind wir ja schnell an unserer Übernachtungsstelle in Rendsburg!“

Sans Souci Nord-Ostsee-Kanal
Der Steuerstand der Sans Soucis.

 

Die Route durch den Kanal

Im „Graben“, wie deutsche Seeleute den Nord-Ostsee-Kanal nennen – international heißt er Kiel Canal – schweift der Blick weit übers platte Marschland: Felder, Wiesen und Wälder. Kanal-Romantik pur. Frische Wiesendüfte ziehen in die Nase. Kühe blicken nicht mal auf, als der flache „Dampfer“ vorbeirauscht. Sie und ihre Vorfahren kennen noch ganz andere Kaliber! Und das seit 130 Jahren, als der Kanal von Kaiser Wilhelm II. eröffnet wurde und seinen Namen bekam.

Hinter Büschen und Bäumen ducken sich blitzsaubere Gehöfte. „Das ist Seefahrt durch den Bauernhof!“, kommentiert ein Berliner Gast die rustikale Szenerie, die stellenweise durch Gülle-Duftwolken vernebelt wird. Die Gäste sind trotzdem ganz aus dem Häuschen. Besonders von den Riesenpötten, die hier an ihnen hautnah vorbeiziehen. „Beeindruckend!“, meint eine schweizerische Seh-Frau und schießt eifrig Fotos mit ihrem Smartphone. „Wir haben zwar Dampfer auf unseren Seen, aber nicht solche dicken wie hier“. Der NOK ist es, der Passagiere immer wieder dazu bewegt, eine Reise mit Kanalpassage zu buchen: „Eenmal im Läben musste däs erläbt ham!“, bringt es ein Sachse in breitestem Dialekt euphorisch auf den Punkt.

Sans Souci Nord-Ostsee-Kanal
Reichlich Sonnenplätze auf dem Oberdeck: die Sans Souci auf dem Nord-Ostsee-Kanal.

Rendsburger Eis ist Spitze

Voraus die Lotsenstation Rüsterbergen. Ein orange leuchtendes Boot schwingt elegant im Halbkreis heran und schmiegt sich an die Steuerbord-Flanke der Sans Souci. Der erste Lotse steigt ab und ein Kollege von ihm auf. Kurze Pause in der Station. Vier Stunden konzentrierte Revierfahrt sind stressig genug.  Ein anderer Kollege übernimmt den Job. In beiden Brüderschaften sind rund 300 dieser erfahrenen Nautiker als Freiberufler zusammengeschlossen.  Die beiden Kanalsteuerer – insgesamt sind es um die 125 – bleiben an Bord und wechseln sich in halbstündigem Rhythmus ab.

Die Lotsen müssen, so erfährt man, in dem engen Kanal-Schlauch mit größter Vor- und Umsicht navigieren. Dennoch kommt es vor, dass ein Schiff – an manchen Stellen genügen Kursabweichungen um nur ein bis zwei Meter – Grundberührung hat und festkommt. Erklärung: Durch Fahrt und Schraube wird Wasser unter dem Kiel weggesogen, es sackt auf den Grund, bleibt für einen Moment stehen, bricht aus und ist nicht steuerbar. Darauf könne man nur schnellstens mit entsprechenden Ruder- und Maschinenmanövern reagieren. Wenn ein Schiff aus dem Ruder läuft, sind, so haben genügend Fälle gezeigt, stunden- oder tagelange Wartezeiten Folge einer solchen unfreiwilligen Blockade. Abgesehen von einem Rattenschwanz an Verlusten.

Nach einer Rechtskurve kommt in Westerrönfeld auch das weiße Haus eines Ex-Schulfreundes in Sicht, der herüberwinkt. Für ihn scheinen wir fast durch seinen Garten zu fahren. Kurz darauf legt das Schiff nach 62 Kilometern und rund fünf Stunden im Kreishafen von Rendsburg an. Direkt gegenüber der wohl bekanntesten Eisdiele der Region. Dahin lenken die meisten Gäste auch ihre ersten Schritte in Schleswig-Holstein. Die sommerlichen Temperaturen schreien nach einem leckeren Eis. Andere machen sich auf den zehnminütigen Weg ins Zentrum, um die alte dänisch-preußische Garnisonsstadt zu erkunden. Zeit haben sie theoretisch dazu auch noch die ganze Nacht.

Sans Souci Nord-Ostsee-Kanal
Kurs auf den besten Eissalon in Schleswig-Holstein ….

 

Frachter und ein Flussschiff

Kaum hat die Sans Souci am nächsten Vormittag wieder ihre Nase nach Osten gerichtet, poltert es plötzlich in der Luft: Über die legendäre Rendsburger Hochbrücke, Wahrzeichen der Kanalstadt – das andere, die darunter hängende Schwebefähre, hat mal wieder ihren Geist aufgegeben –, kriecht ein endlos langer Güterzug in den Süden mit Kurs auf Neumünster. Die Antennen des vorausfahrenden Frachters scheinen die Stahlkonstruktion zu streifen. Generell sind höchstens 39,50 Meter Durchfahrtshöhe erlaubt. Oder es knirscht „im Gebälk“. Zwei norwegische Kreuzfahrtschiffe wurden sogar extra deswegen mit einem klappbaren Schornstein ausgerüstet.

Sans Souci Nord-Ostsee-Kanal
Die Rendsburger Hochbrücke voraus.

 

Hinter den Kulissen vollbringen erfahrene Nautiker organisatorische Meisterleistungen. „Ein Schiff ist weder ein Auto noch ein Zug, die man ohne weiteres abbremsen kann“, erklärt der Lotse. Zusätzlich erschwerend wirken Wind und Wetter wie Nebel, Eis oder Schneetreiben. Zu manchen guten Zeiten waren bis zu 250 Schiffe pro Tag im Kanal unterwegs. Eine solche Masse will koordiniert sein.

Sans Souci Nord-Ostsee-Kanal
Der Kapitän und seine Hoteldirektorin Jana.

 

Mit der Sans Souci auf dem Nord-Ostsee-Kanal

Bei Audorf-Rade blinkt ein rot-weiß-rotes Lichtsignal. Voraus erweitert sich das bis dahin enge Fahrwasser. Die Sans Souci muss wie schon zwei andere Schiffe in einer Ausweichstelle, kurz Weiche genannt, festmachen. Zwölf gibt es davon im NOK. Wer warten muss, bestimmt der Lenker an Land nach Situation und Reglement. Die Schiffe werden je nach Länge, Breite, Tiefgang und Art der Ladung in sechs Verkehrsgruppen eingeteilt. Es dürfen, wo es eng wird, immer nur Schiffe aneinander vorbeifahren, deren Verkehrsgruppen zusammen sechs ergeben. Ansonsten ist auch die Quersumme acht erlaubt.   Der „Gegenkommer“ gehört schon der Gruppe sechs an, ist aber ein noch dickerer Brocken. Maximal dürfen 235 Meter Länge, 32,5 Meter Breite und 9,5 Meter Tiefgang nicht überschritten werden. Wir liegen weit darunter.

Sans Souci Nord-Ostsee-Kanal
Blick in eine Kabine mit französischem Balkon.

 

Bei der Passage von Sehestedt, dem einzigen durch den NOK in Schleswig (Norden) und Holstein (Süden) geteilten Dorf, werden Erinnerungen wach. Als Jungs sind wir von Eckernförde aus hingeradelt, um Schiffe zu fotografieren und zu notieren. Natürlich auch, um den Besatzungen zuzuwinken, die unsere Sehnsucht nach fernen Häfen mitnehmen sollten. An der Fähre Landwehr wartet ein weiterer Freund. Der tutet sogar zur Begrüßung des schiffsbegeisterten Joggers auf dem attraktiven Kanalweg, auf dem auch Radfahrer Richtung Levensauer Hochbrücken unterwegs sind.

Im Mastenwald der Kieler Woche

Knapp achteinhalb Stunden insgesamt hat die Reise über Land auf dem knapp 100 Kilometer langen „Silberband“ zwischen den Meeren, auch „Hochseer-Autobahn“ genannt, mit 14 Fähren, zwei Tunneln und zehn Brücken gedauert. Das ist Schleswig-Holstein zu Schiff, aber im Radfahrertempo von maximal zwölf Kilometern pro Stunde. Mehr sind nicht erlaubt, um die Kanalböschungen zu schonen. Aber mit 120 Zentimetern Tiefgang geht vom schlanken Flusskreuzfahrer ohnehin keine Gefahr aus. Wohl aber durch die Wasserschutzpolizei. Die „blitzt“ auch schon mal aus dem Gebüsch. Denn Auswaschungen durch Wellenschlag und andere Beschädigungen müssen vermieden werden, um zu verhindern, dass die Uferböschungen jährlich pro laufenden Meter bis zu zehn Kubikmeter Boden verlieren.

Sans Souci Nord-Ostsee-Kanal
Blick von der Bar in den Salon der Sans Souci.

 

Kaum hat das Schiff die große 310 Meter lange und 42 Meter breite Schleusenkammer in Kiel-Holtenau verlassen, wird es auch schon von einer ganzen Segelschiffs-Armada umzingelt. Bei achterlichem Ostwind kommen die Ein-, Zwei- und Dreimaster zurück von ihren Gästefahrten während der Kieler Woche. Die Sans Souci nimmt die Parade ab und packt sich an ihren Liegeplatz hinter dem Schifffahrtsmuseum mit ihren Oldtimern. Ein würdiger Liegeplatz für den ungewöhnlicher Flussgast im Seehafen Kiel.

Text & Fotos: Peer Schmidt-Walther

🚢 Steckbrief: MS Sans Souci

Baujahr 2000 (ursprünglich als „Europa“ bei der Scheepswerf Grave in den Niederlanden gebaut)
Reederei Plantours Kreuzfahrten (Bremen), seit 2024 gemeinsam mit der italienischen Muttergesellschaft Ligabue Group
Flagge / Heimathafen Schweiz, Heimathafen Basel
Länge / Breite / Tiefgang ca. 82 m / 9,50 m / ca. 1,30 m
Passagiere max. 81 Gäste in 41 Außenkabinen
Besatzung rund 24–25 Crewmitglieder
Renovierungen Teilrenovierung 2006/2007, neue Antriebsmotoren 2012, Kabinenmodernisierung inkl. französischer Balkone 2018/2019, weiteres Redesign ab 2027 geplant
Besonderheiten Kleines Boutique-Schiff mit persönlicher 4-Sterne-Atmosphäre; dank kompakter Maße und geringem Tiefgang auch auf schmalen/flachen Gewässern einsetzbar; Panorama-Lounge, Bibliothek, Sonnendeck, teils kleines Putting Green
Fahrtgebiete Elbe, Havel, Oder, Peene, Saale, Mittellandkanal, Nord-Ostsee-Kanal, Moldau

 

Hier geht es zu den Flusskreuzfahrten der Sans Souci, bei denen Sie sogar einen Extra-Rabatt erhalten. Schauen Sie gleich nach, welche Reisen im Angebot sind: Sans Souci-Reisen.

 

Hier lesen Sie eine Reportage über eine Flusskreuzfahrt mit der A-Rosa Luna: Reportage.

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