Quallen gehören zu jenen Meeresbewohnern, denen viele Menschen mit gemischten Gefühlen begegnen. Am Strand gelten sie als lästige Badegäste, manche Arten lösen Angst aus, andere werden als schleimige, wenig attraktive Geschöpfe wahrgenommen. Dass hinter ihrem durchscheinenden Körper eine erstaunliche Erfolgsgeschichte der Evolution steckt, zeigt Dagmar Röhrlich in ihrem Sachbuch Medusa aus dem mareverlag. Die Autorin lädt dazu ein, den Blick auf diese häufig unterschätzten Lebewesen grundlegend zu verändern. Denn Quallen gehören zu den bemerkenswertesten Überlebenskünstlern der Erdgeschichte.
Röhrlich führt ihre Leserinnen und Leser in einen Lebensraum, dessen Vielfalt sich dem flüchtigen Blick meist entzieht. Von den Küsten und Stränden reicht die Reise bis in die Tiefsee und zu den wissenschaftlichen Laboren, in denen Forschende den Geheimnissen der Medusen nachgehen. Dabei geht es nicht allein um die Biologie der Tiere, sondern auch um ihre ungewöhnlichen Fähigkeiten. Quallen bestehen größtenteils aus Wasser und kommen ohne Herz und Gehirn aus. Dennoch verfügen sie über ein komplexes Nervennetz, können Beute aufspüren und sich an unterschiedliche Lebensbedingungen anpassen. Würfelquallen haben 24 Augen, der Schirm der Löwenmähnenqualle hat einen Durchmesser von mehr als zwei Meter. Einige Arten erzeugen Licht, andere überraschen durch besondere Regenerationsfähigkeiten. So kann die Winzqualle Turritopsis ihren Lebenszyklus rückwärts laufen lassen. Gerät sie unter Stress, sinkt sie einfach zu Boden und fällt zu einem Gewebeklumpen zusammen. Aus dem wächst nach einiger Zeit dann eine Polypenkolonie aus genetisch identischen Klonen.
Zugleich beleuchtet das Buch die wechselvolle Beziehung zwischen Mensch und Qualle. Während Fischerei und Tourismus ihre massenhafte Vermehrung mitunter als Problem erleben, dienen bestimmte Arten andernorts als Nahrungsmittel. In der Medizin wecken ihre Fähigkeiten Hoffnungen und Forschungsinteressen. So entsteht ein facettenreiches Bild, das ökologische, wissenschaftliche und alltägliche Perspektiven miteinander verbindet.
Wissenschaft, die Geschichten erzählt
Dagmar Röhrlich ist für diese Art der Wissensvermittlung bestens qualifiziert. Die 1956 in Aachen geborene Autorin arbeitet seit vielen Jahren als freie Wissenschaftsjournalistin. Für ihre journalistischen Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus. Statt Forschungsergebnisse lediglich aneinanderzureihen, verknüpft sie biologische Zusammenhänge mit Entdeckungen, historischen Entwicklungen und menschlichen Erfahrungen. Diese Herangehensweise schafft einen Zugang, der über das reine Faktenwissen hinausgeht. Eine besondere Stärke von Röhrlich ist die verständliche Sprache. Komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge sind auch Menschen zugänglich, die ohne biologisches Vorwissen lesen.
Das Buch wird durch zwanzig Illustrationen von Zoe Keller ergänzt. Die amerikanische Illustratorin verbindet zeichnerische Techniken mit ihrer Begeisterung für Natur und bedrohte Lebensräume. Ihre Arbeiten erweitern den Zugang zu den beschriebenen Organismen um eine visuelle Ebene. Gerade bei durchsichtigen, fremdartig anmutenden Meeresbewohnern kann die bildliche Darstellung helfen, Formen und Besonderheiten genauer wahrzunehmen.
Wer sich für das Meer, die Evolution und die verblüffenden Fähigkeiten scheinbar einfacher Lebewesen interessiert, findet in Medusa ein vielversprechendes Thema. Röhrlich lenkt die Aufmerksamkeit auf Tiere, die häufig übersehen oder als störend empfunden werden, und zeigt, weshalb sich eine genauere Betrachtung lohnt. Der größte Gewinn dieses Buches liegt vielleicht darin, dass es auch unsere Wahrnehmung verändert: Aus glibberigen Strandgästen werden faszinierende Bewohner einer Lebenswelt, deren Möglichkeiten noch längst nicht erforscht sind.
Medusa
Dagmar Röhrlich
mare Verlag
Gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 192 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3866487680
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Ingo Thiel ist Reisejournalist, Buchautor und Kreuzfahrtexperte. Seit mehr als 25 Jahren veröffentlicht der Lübecker Reportagen in Tageszeitungen, Magazinen und Fachzeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf zahlreichen Reisen und Expeditionen lernte er viele Kreuzfahrtschiffe verschiedener Reedereien kennen.