Mit „Die Schlucht“ legt Linus Geschke den dritten und letzten Band seiner Donkerbloem-Trilogie vor. Nach „Der Trailer“ und „Das Camp“ kehrt der Autor an jenen unheimlichen Ort in den Ardennen zurück, an dem vor Jahren eine junge Frau verschwand und der seitdem wie ein Schatten über den Figuren der Reihe liegt. Das fulminante Finale führt die bereits bekannten Protagonisten wieder zusammen und bringt die Ereignisse der ersten beiden Bände zu einem rasanten Ende.
Wo die Vergangenheit nicht vergeht
Ein abgelegenes Camp in den Ardennen, eine verschwundene junge Frau, ein Kreis von Menschen, deren Lebensgeschichten auf verhängnisvolle Weise miteinander verknüpft sind: Linus Geschke hat seine Donkerbloem-Trilogie von Beginn an aus dem Stoff gebaut, aus dem gute Psychothriller sind. Geschke erzählt keine Geschichte über ein Verbrechen, das irgendwann geschieht und irgendwann aufgeklärt wird. Ihn interessiert vielmehr, wie lange ein Verbrechen nachwirkt. Wie sehr es Menschen verändert, die davon betroffen waren. Und wie leicht die Grenze zwischen Opfer und Täter verschwimmen kann, wenn die Zeit vergangen ist. Wer „Die Schlucht“ aufschlägt, begegnet alten Bekannten. Vor allem Wout, dem charismatischen, schwer einzuschätzenden Betreiber des Camps, und Kathinka, einer hochintelligenten IT-Spezialistin, die längst tiefer in die Geschehnisse verstrickt ist, als ihr lieb sein kann. Auch Frieda Stahnke, die ehemalige Kommissarin, gehört zum Personal dieser Geschichte.
„Der Trailer“ legte dabei den Grundstein für den Kosmos der Reihe: Eine junge Frau verschwindet, und Frieda gerät bei ihren Nachforschungen in ein Geflecht aus Misstrauen, Gewalt und persönlichen Abhängigkeiten. „Das Camp“ weitete diesen Kosmos aus und machte Donkerbloem selbst zum Zentrum der Handlung. Aus dem Schauplatz wurde ein Brennpunkt, an dem sich die unterschiedlichen Geschichten verdichteten. Nun kehrt Geschke an diesen Ort zurück. Im Zentrum steht Kathinka, die die Vergangenheit ihrer Schwester nicht ruhen lassen kann. Fünfzehn Jahre nach deren Tod führen neue Hinweise zu einer Gruppe von Männern, die sich „die Jäger“ nennen. Gemeinsam mit Wout macht sie sich daran, die Wahrheit herauszufinden. Doch wer auf die Jagd geht, muss damit rechnen, selbst zum Gejagten zu werden.
Wem kann man noch vertrauen?
Geschkes Spannung entsteht weniger aus der Frage, ob etwas Schlimmes geschehen wird. Man weiß als Leser ziemlich bald, dass es geschehen wird. Die eigentliche Spannung liegt in der Frage, wem man glauben darf. Fast jede Figur trägt ein Geheimnis mit sich herum und kaum eine Beziehung ist frei von Misstrauen. Der Autor setzt dabei auf Perspektivwechsel, kurze Kapitel und gezielt platzierte Informationen. Er gibt dem Leser gerade genug Wissen, um eine Vermutung anzustellen und entzieht ihm im nächsten Moment wieder den sicheren Boden. So entsteht ein Sog, der weniger aus permanentem Actiontempo als aus psychologischer Unruhe besteht.
Das funktioniert über weite Strecken hervorragend. Man glaubt, Zusammenhänge erkannt zu haben, und stellt wenig später fest, dass man nur einen Teil des Bildes gesehen hat. Allerdings verlangt diese Konstruktion auch Geduld. Wo Rückblicke und Erklärungen die Verbindungen zu den Vorgängerromanen herstellen, verliert die Geschichte gelegentlich etwas von ihrem Tempo.
Kühl erzählt, atmosphärisch verdichtet
Linus Geschke, Jahrgang 1970, bringt aus seinem früheren Beruf als Journalist einen ausgeprägten Sinn für Recherche, Dramaturgie und präzise Beobachtung mit. Sprachlich bleibt Geschke seinem Stil treu. Seine Prosa ist schnörkellos, präzise und auf Wirkung bedacht. Er schreibt nicht ornamental, sondern mit dem Blick eines Journalisten: genau beobachten, Wesentliches herausarbeiten, Informationen dosieren. Seine lange journalistische Tätigkeit, unter anderem für SPIEGEL Online und die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, ist in dieser Art des Erzählens noch immer spürbar.
Und doch ist „Die Schlucht“ keineswegs nüchtern. Im Gegenteil: Seine Atmosphäre entwickelt der Roman vor allem über den Schauplatz. Die abgelegene Landschaft, das Camp und die titelgebende Schlucht erzeugen ein Gefühl von Isolation. Es ist eine Welt, in der die Zivilisation nur wenige Schritte entfernt scheint und dennoch unerreichbar sein kann. Geschke nutzt diese räumliche Enge, um auch psychologisch Druck aufzubauen.
Besonders gelungen ist dabei seine Figurenzeichnung. Wout bleibt eine der interessantesten Figuren der Reihe, gerade weil er sich einer eindeutigen moralischen Einordnung entzieht. Er kann Helfer und Manipulator, Freund und Gefahr zugleich sein. Kathinka wiederum ist eine Protagonistin, deren Suche nach Wahrheit zunehmend etwas Besessenes bekommt. Sie will nicht einfach wissen, was damals geschah. Sie will verhindern, dass die Vergangenheit weiterhin über ihr Leben bestimmt.
Die Fäden laufen zusammen
Geschke interessiert sich nicht nur für die Frage, wer schuldig ist. Ihn interessiert, was Schuld mit Menschen macht. Seine Figuren sind deshalb selten reine Helden oder Schurken. Sie sind Menschen mit Interessen, Ängsten sowie blinden Flecken und genau daraus bezieht der Roman einen Teil seiner Spannung. „Die Schlucht“ ist kein Thriller, der seine Wirkung aus möglichst spektakulären Schockeffekten bezieht. Seine Stärke liegt vielmehr im langsamen Freilegen einer Vergangenheit, die nie wirklich abgeschlossen war. Geschke führt die Fäden seiner Trilogie zusammen und kehrt noch einmal zu den Fragen zurück, die seine Figuren seit „Der Trailer“ verfolgen.
Geschke verabschiedet sich nicht mit einem Feuerwerk, sondern mit einer Geschichte über Erinnerung, Schuld und die fatale Vorstellung, man könne einen Schlussstrich unter das Vergangene ziehen. Die Schlucht ist bei Geschke nicht nur ein Ort. Sie wird zum Bild für alles, was Menschen verdrängen, verbergen und irgendwann wieder ans Licht holen. Und wer einmal hinabgesehen hat, weiß, dass manche Abgründe nicht dadurch verschwinden, dass man sie nicht mehr betrachtet.
Die Schlucht
Linus Geschke
Piper Verlag
Taschenbuch, 400 Seiten, 17 Euro
ISBN: 978-3492068635
Weitere Informationen unter https://www.piper.de/buecher/die-schlucht-isbn-978-3-492-06863-5
Ingo Thiel ist Reisejournalist, Buchautor und Kreuzfahrtexperte. Seit mehr als 25 Jahren veröffentlicht der Lübecker Reportagen in Tageszeitungen, Magazinen und Fachzeitschriften in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf zahlreichen Reisen und Expeditionen lernte er viele Kreuzfahrtschiffe verschiedener Reedereien kennen.