Eine Journalistin aus Kanada, ein Toter auf einer Katharerburg und ein geerbtes Haus, das offenbar mehr bewahrt als alte Familienerinnerungen: Mit „Der vergessene Raum“ eröffnet Susan de Winter ihre Krimireihe „Claire Bernard ermittelt“. Der erste Fall führt in die südfranzösischen Corbières, zwischen windumtoste Burgruinen, stille Dörfer und die Küste des Mittelmeers. Dort verbindet die Autorin eine rätselhafte Mordgeschichte mit Familiengeheimnissen, eigenwilligen Figuren und einer Liebesgeschichte, die zwischen all den Ermittlungen ihren Anfang nimmt.
Ein Interview mit tödlichem Ausgang
Eigentlich ist Claire Bernard aus ganz anderen Gründen nach Südfrankreich gekommen. Gemeinsam mit ihrer Schwester Vivienne hat die Journalistin aus Québec das Haus ihrer Großeltern in Feuilla geerbt. Die beiden wollen sich um den Nachlass kümmern und das Anwesen verkaufen. Claire nutzt ihren Aufenthalt außerdem für eine Reisereportage über Okzitanien. Dazu gehört ein Besuch auf dem Château de Peyrepertuse, wo sie Professor Étienne Vallois treffen möchte, einen ausgewiesenen Kenner der Katharerburgen.
Doch aus dem geplanten Interview wird nichts. Als Claire die hoch über der Landschaft thronende Ruine erreicht, findet sie den Professor tot zwischen den alten Mauern. Und während sie noch versucht zu begreifen, was geschehen ist, beschleicht sie ein beunruhigendes Gefühl: Ist sie wirklich allein? Oder beobachtet sie jemand aus einem der dunklen Durchgänge?
Schon dieser Auftakt zeigt, wie Susan de Winter ihre Schauplätze einsetzt. Der mühsame Aufstieg, der Wind, die schroffen Felsen und die verwinkelte Burganlage bereiten den Boden für eine Szene, in der aus touristischer Neugier plötzlich nackte Angst wird. Wo Claire eben noch Material für eine Reportage sammeln wollte, ist sie nun Zeugin eines Verbrechens und gerät bald selbst unter Verdacht. Grund genug, selbst zu ermitteln …
Ein Ermittlerteam mit eigenem Kopf
Claire bleibt mit ihren Nachforschungen nicht lange allein. Um sie herum versammelt sich eine ungewöhnliche Gemeinschaft, deren Mitglieder sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie man einem Geheimnis auf die Spur kommt.
Da ist zunächst Vivienne, Claires Schwester, deren besondere Wahrnehmungen sich mit vernünftigen Erklärungen nicht immer erfassen lassen. Während Claire nach überprüfbaren Hinweisen sucht, vertraut Vivienne auf ihre hellseherische Eingebungen. Hinzu kommen der Joint rauchende Onkel Jules, Astrophysikerin Céline und die Bäckerin Jolie, die eigene Erfahrungen, Ansichten und Temperamente mitbringen. Aus dieser Mischung entsteht ein wesentlicher Reiz des Romans. Die Beteiligten ergänzen sich, geraten aneinander und wachsen einander ans Herz.
Südfrankreich jenseits der Postkarte
Susan de Winter kennt das Reisen aus ihrer Arbeit als Reisejournalistin. In „Der vergessene Raum“ zeigt sich dieser Hintergrund besonders in den Landschaftsbeschreibungen. Die Corbières erscheinen als eine raue, eigenwillige Region: schmale Straßen zwischen Felsen und Hügeln, der Duft von Thymian und Rosmarin, alte Mauern und ein Wind, der selbst an sonnigen Tagen ungemütlich werden kann.
Mit dem Château de Peyrepertuse wählt die Autorin einen eindrucksvollen Ausgangspunkt für ihren Kriminalfall. Die Burg fasziniert durch ihre exponierte Lage und wird zugleich zum Ort der Bedrohung. Für Leser, die gern gedanklich verreisen, bietet der Roman damit reichlich Anknüpfungspunkte. Die Schauplätze wecken Neugier auf eine Gegend Südfrankreichs, deren Reiz gerade in ihrer Mischung aus Schönheit, Abgeschiedenheit und bewegter Geschichte liegt.
Familiengeschichte mit offenen Fragen
Neben der Suche nach dem Mörder entwickelt sich eine weitere Geschichte: die Annäherung der Schwestern an ihre eigene Vergangenheit. Was wissen sie über ihre Familie? Welche Erinnerungen sind verlässlich? Und welche Fragen wurden bisher gar nicht gestellt? Susan de Winter führt diese Ebene behutsam in die Handlung ein. Das Erbe verbindet Claire und Vivienne mit einem Ort, den sie anfangs vor allem als vorübergehende Station betrachten. Je länger sie bleiben, desto schwieriger wird es jedoch, die Dinge nüchtern abzuwickeln und anschließend wieder abzureisen.
Ein erster Fall, der Lust auf weitere macht
„Der vergessene Raum“ verbindet die Neugier auf die Lösung eines Mordfalls mit der Freude daran, seine Figuren kennenzulernen. Der Roman lebt von Verdachtsmomenten und überraschenden Zusammenhängen, ebenso aber von Humor, vorsichtiger Romantik und der Atmosphäre seiner südfranzösischen Schauplätze. Dabei findet Claires erster Fall seine Auflösung, während die Familiengeschichte genügend offene Fragen für eine Fortsetzung bereithält. Das macht den Auftakt zugleich zu einem Versprechen: Mit dieser Journalistin, diesem Commissaire und ihrer eigenwilligen Gemeinschaft lässt sich noch einiges erleben.
Eine passende Lektüre für alle, die gern miträtseln, ungewöhnliche Ermittler mögen und sich beim Lesen nach Südfrankreich versetzen lassen möchten. Nur beim nächsten Besuch einer einsamen Burgruine könnte es sein, dass man etwas genauer auf die dunklen Durchgänge achtet.
Der vergessene Raum
Ein Südfrankreich-Krimi
Claire Bernard ermittelt – Band 1
Susan de Winter
Taschenbuch 362 Seiten, ISBN-13: 978-3696740276, Preis: 14 Euro
E-Book: 3,99 Euro, enthalten in Kindle Unlimited