Was hätte Kapitän Boye Petersen wohl zu diesem Anblick gesagt? Zu den Gästen, die mit einem Aperol Spritz in der Hand an Deck stehen, während über ihnen fünf mächtige Masten in den Abendhimmel ragen? Zum Swimmingpool zwischen all den Tauen und Winschen? Oder zu Vangelis’ „Conquest of Paradise“, das gleich aus den Lautsprechern schallen wird, wenn wir Venedig verlassen?
Petersen war der erste Kapitän der Preussen, jenes legendären Fünfmasters, der 1902 für die Hamburger Reederei F. Laeisz gebaut wurde. Statt Urlauber transportierte sein Schiff Tausende Tonnen Fracht über die Weltmeere und umrundete auf dem Weg nach Chile Kap Hoorn. Auf den mehr als zehn Fahrten nach Südamerika brach er gleich mehrere Rekorde mit dem größten und schnellsten Flying P-Liner der Reederei.

Foto: Allan C. Green
Mehr als 120 Jahre später stehen wir an Bord ihrer modernen Nachfahrin. Die Royal Clipper trägt ebenfalls fünf Masten und 42 Segel. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten mehr oder weniger. Die Kabinen besitzen Klimaanlagen und eigene Bäder, das Abendessen wird in einem eleganten Restaurant serviert und statt Kap Hoorn erwarten uns auf dieser Reise kleine, feine Häfen an der Adriaküste. Und im Augenblick vor allem eines: eine ultra-romantische Ausfahrt aus Venedig.

Foto: Star Clippers
Ausfahrt aus Venedig
Die Sonne steht bereits tief, als die Royal Clipper langsam Fahrt aufnimmt und am Markusplatz vorbeigleitet. Die Türme und Kuppeln von „La Serenissima“ heben sich wie Scherenschnitte vom glutroten Himmel ab. Erst als wir die Lagunenstadt hinter uns gelassen und der Lotse sich verabschiedet hat, werden die Segel gehisst. An Deck erklingen die vertrauten Takte von „Conquest of Paradise“, der Auslaufhymne der monegassischen Reederei Star Clippers. Spätestens jetzt sind wir uns ziemlich sicher: Kapitän Petersen hätte gestaunt.


Dabei ist es gerade die Nähe zur alten Seefahrt, die den Reiz dieses Schiffes ausmacht. Wann immer Wind und Route es erlauben, wird gesegelt. Und wenn die weißen Tücher nach und nach an den Rahen erscheinen, verändert sich die Stimmung an Deck. Die Köpfe gehen nach oben und die Handys werden gezückt.
42 Segel bringen es zusammen auf rund 5.000 Quadratmeter Segelfläche. Die Royal Clipper gilt damit als größtes Fünfmast-Vollschiff der Welt. Dennoch ist sie mit maximal 227 Gästen eher ein Winzling unter den heutigen Kreuzfahrtschiffen. Es gibt keine Wasserrutschen, keine Shoppingmeile und kein Theater mit Musicalshows– zum Glück! Denn stattdessen wird Teakholz, Messing, Ruhe, Meeresrauschen und viel maritimes Flair geboten. Vielleicht ist das sogar der größte Luxus an Bord: dass man das Meer noch mitbekommt.

An Bord wird bei diesem Törn auffallend viel Deutsch gesprochen. Das hat einen besonderen Grund: Die Reise ist unter anderem als Jubiläumsfahrt von Star Clippers Kreuzfahrten in Hannover-Langenhagen ausgeschrieben worden, und entsprechend viele Stammgäste und Segelfans aus Deutschland sind mit dabei. Manche reisen nicht zum ersten Mal auf einem der Großsegler. Sie kennen die schönsten Plätze an Deck, wissen, wann sich der Gang zur Reling lohnt, und erzählen von früheren Reisen in der Karibik, im Mittelmeer oder zwischen griechischen Inseln.

Entdeckungsreise durchs Schiff
Für Neulinge dagegen beginnt zunächst eine kleine Entdeckungsreise durch das Schiff. Denn die Royal Clipper ist ein merkwürdiger Zwitter. Sie möchte ein wenig von jener Epoche bewahren, in der Schiffe wie die Preussen allein auf Wind, Segel und die Fähigkeiten ihrer Mannschaft angewiesen waren und gleichzeitig erwartet heute niemand ernsthaft, auf den Komfort des 21. Jahrhunderts zu verzichten. Kapitän Petersen und seine Männer schliefen schließlich nicht in Kabinen mit Marmorbad, tanzten abends vor der Tropical Bar unter Sternen oder kühlten sich tagsüber ganz sicher nicht in einem der drei kleinen Pools an Deck ab. Und doch gibt es Momente, in denen die 120 Jahre zwischen beiden Schiffen plötzlich zu schrumpfen scheinen.

Zum Beispiel am nächsten Morgen. Als wir an Deck kommen, liegt Venedig längst hinter uns. Ringsum gibt es nichts als Wasser. Über uns stehen ein paar Segel im Wind und irgendwo hoch oben in der Takelage arbeitet ein Matrose. Es ist still an Bord und unendlich friedlich. Wir ahnen, was Menschen seit Jahrhunderten am Segeln fasziniert. Nur, dass unten bereits das Frühstück wartet und bald schon unser erster Stopp, das italienische Pesaro.
Am Strand von Pesaro
San Marino wäre hier eine Option. Viele Mitreisende haben einen Ausflug in die kleine Republik auf dem Monte Titano gebucht. Wir entscheiden uns anders. Es ist Sonntag, es ist August, es ist heiß – und Pesaro hat einen kilometerlangen Strand. Also machen wir es wie die Italiener und gehen vom Schiff aus zu Fuß ans Meer. Dort scheint sich an diesem Nachmittag das halbe Leben der Stadt abzuspielen. Unter den Sonnenschirmen sitzen Männer beim Kartenspiel zusammen, ein paar Liegen weiter sind mehrere Frauen in ein angeregtes Gespräch vertieft. Kinder bauen Sandburgen, Jugendliche werfen sich ins Wasser und niemand scheint es eilig zu haben. Eine Welle nach der anderen rollt an den Strand, und aus dem geplanten kurzen Bad wird ein ziemlich ausgiebiges Vergnügen. Danach sitzen wir mit den Füßen im Sand in einem Strandcafé und bestellen Cappuccino. 1,90 Euro kostet er. Wir müssen zweimal auf die Rechnung schauen.

Winnetou wartet hinter Šibenik
Am nächsten Morgen sieht unser Programm ganz anders aus. Diesmal zieht es uns weg vom Meer und hinein ins kroatische Hinterland. Unser Ziel ist der Nationalpark Krka, dessen Landschaft uns ziemlich bekannt vorkommt, obwohl wir noch nie hier waren. Zwischen dichtem Grün rauscht und schäumt das Wasser über unzählige Stufen, teilt sich in kleine Kaskaden und sammelt sich wieder in grünblauen Becken. Eine Landschaft wie eine Filmkulisse. Und genau das war sie auch.
In dieser Region entstanden Szenen der legendären Karl-May-Filme, die in den 1960er-Jahren Millionen Menschen ins Kino lockten und später zum Dauerbrenner im deutschen Fernsehen wurden. Kroatien wurde zum Wilden Westen, seine Berge, Flüsse und Wasserfälle zu den Landschaften, durch die Winnetou und Old Shatterhand ritten. Wer mit Pierre Brice und Lex Barker aufgewachsen ist, ertappt sich beinahe dabei, zwischen den Bäumen nach einem Apachen Ausschau zu halten.

Ein Abend in Dubrovnik
In Dubrovnik liegt die Royal Clipper direkt vor der historischen Altstadt auf Reede. Von Bord aus sehen wir die mächtigen Mauern, die roten Dächer und das Häusergewirr dahinter. Näher kann man einer Stadt vom Meer aus kaum kommen. Tender bringen uns an Land und diesmal wollen wir nicht nur durch die Gassen schlendern, sondern zum Abendessen bleiben.


Wenn die Hitze des Tages langsam nachlässt und etliche Tagesbesucher die Stadt verlassen, zeigt Dubrovnik, warum es zum UNESCO-Welterbe gehört. Hinter den Mauern öffnen sich Plätze und schmale Gassen, Treppen verschwinden zwischen jahrhundertealten Häusern, Restauranttische stehen draußen unter freiem Himmel. Wir essen Cevapcici auf einer lauschigen Dachterrasse, lassen uns Zeit und machen uns erst spät auf den Rückweg. Draußen auf dem dunklen Wasser leuchtet die Royal Clipper unterm Vollmond. Hunderte kleine Lichter funkeln an den hohen Masten. Unser Zuhause für diese Woche wartet vor einer der schönsten Kulissen des Mittelmeers.

Frühschicht für Kotor
Am nächsten Morgen klingelt der Wecker zu einer Uhrzeit, zu der Urlaub eigentlich verboten sein sollte. Doch wer nach Kotor fährt, sollte die Einfahrt nicht verschlafen. Berge ragen zu beiden Seiten des Schiffes fast senkrecht aus dem Wasser. Kleine Ortschaften schmiegen sich an die Ufer, Kirchtürme spiegeln sich in der ruhigen See. Die Royal Clipper gleitet langsam durch die Bucht, während die Sonne nach und nach die Bergspitzen erreicht.

Umgangssprachlich wird die Bucht von Kotor gern als südlichster Fjord Europas bezeichnet. Geologisch ist sie zwar kein echter Fjord, doch wer frühmorgens an Deck steht, dürfte diese Spitzfindigkeit für einen Moment vergessen. Dies ist definitiv eine dieser Einfahrten, für die man gern auf eine Stunde Schlaf verzichtet.

Einige Stunden später ist von der morgendlichen Stille nicht mehr viel übrig. Kotors von einer mächtigen Stadtmauer umgebene Altstadt ist wunderschön und an diesem Augusttag ausgesprochen gut besucht. Menschenmassen schieben sich durch die schmalen Gassen, Reiseführer erzählen Kotors Geschichte. Und dann sind da noch die Katzen. Sie liegen auf Mauern und Treppen, dösen in Hauseingängen und scheinen den Trubel mit stoischer Ruhe zu betrachten. Kotor hat seine Liebe zu den Vierbeinern längst zum Geschäft gemacht. Katzen zieren Tassen, Taschen, Kühlschrank-Magnete, T-Shirts und so weiter. Es gibt sogar ganze Katzenshops.

Barfuß auf Vis
Vis fühlt sich am Tag danach fast wie ein Kontrastprogramm an. Die kroatische Insel liegt weiter draußen in der Adria und war jahrzehntelang militärisches Sperrgebiet. Der Tourismus entwickelte sich deshalb später als auf vielen anderen kroatischen Inseln. Vielleicht wirkt Vis auch deshalb bis heute ein wenig gelassener. Wir brauchen diesmal weder Bus noch Reiseleiter. Ein schöner Strand liegt praktisch in Reichweite unseres Schiffes. Das Wasser ist so klar, wie man es sich von der kroatischen Adria erhofft. Hinter uns liegt der kleine Ort, vor uns die Bucht und eine kleine Bar mit magischer Aussicht und guter Musik. Was will man mehr?

Auch die Preussen lief einst Häfen auf der ganzen Welt an. Allerdings hätte ihre Mannschaft über unsere Vorstellung eines gelungenen Landgangs vermutlich nur den Kopf geschüttelt: ein paar Stunden schwimmen, anschließend zurück an Bord, duschen und überlegen, was es zum Abendessen gibt. Die Seefahrt hat eindeutig Fortschritte gemacht.

Rovinj zum Verlieben
Für unseren Geschmack viel zu schnell, erreichen wir am sechsten Tag Rovinj. Kopfsteingepflasterte Gassen winden sich zwischen dicht aneinanderstehenden Häusern. Frisch gewaschene Wäsche hängt vor Fenstern, kleine Läden und Galerien verstecken sich in den Seitenstraßen. Manchmal öffnet sich zwischen den Häusern der Blick auf das Meer. Und über allem thront die Kirche der heiligen Euphemia mit ihrem weithin sichtbaren Glockenturm.

Rovinj hat vieles von dem, was man sich von einer Stadt an der Adria wünscht: venezianische Vergangenheit, blank gelaufene Steine, kleine Plätze und wunderschöne Cafés. Wir beeilen uns trotzdem, wieder auf die Royal Clipper zu kommen. Denn bei 36 Grad im Schatten lechzen wir nach einem Bad in der erfrischenden Adria, bevor wir uns auf den Weg nach Venedig machen. Zum letzten Mal auf unserer Kreuzfahrt besuchen wir also die Marina am Heck des Schiffes und tauchen in die türkisblauen Fluten ein. Was für ein Luxus!

Das Windjammer-Feeling
Nach fast einer Woche haben wir uns an vieles gewöhnt. Zum Beispiel an den Blick nach oben, sobald die Mannschaft beginnt, die Segel zu setzen. Alltäglich ist es aber noch immer nicht geworden. Natürlich ist eine Reise auf der Royal Clipper mit der Seefahrt an Bord der Preussen kaum zu vergleichen. Zwischen den beiden Fünfmastern liegen ja auch mehr als 120 Jahre – und Welten. Damals wurde gesegelt, weil es keine Alternative gab. Die Preussen besaß keinen Motor, der bei Flaute einfach übernehmen konnte. Heute segeln wir, weil wir das Segeln erleben wollen.


Wir schlafen bequem, lassen uns Cappuccino servieren, liegen vorne im Bugnetz, während Delfine und Wasserschildkröten unter uns her schwimmen. Das Wasser rauscht am Rumpf vorbei und über uns ist nichts zu hören als das Schlagen eines Segels und das Knarren der Takelage. Dann braucht man eigentlich gar nicht soviel Fantasie, um sich vorzustellen, wie es gewesen sein muss, als die großen Windjammer noch über die Weltmeere fuhren.
Eines hätte Kapitän Petersen vermutlich jedoch etwas aus der Fassung gebracht. Dass wir nach einer Woche voller Seemeilen, Strände, Wasserfälle und alter Hafenstädte schon wieder dort einlaufen, wo unsere Reise begonnen hat: in Venedig.
Susanne Müller (Text & Fotos)
Infos zu Kreuzfahrten mit der Royal Clipper:
Die Royal Clipper kreuzt im Winter 2026/27 sowie im Winter 2027/28 ab/bis Barbados in der Karibik. Eine Sieben-Nächte-Kreuzfahrt lässt sich ab 2.755 Euro buchen. Für Kreuzfahrten im Winter 27/28 wird ein Frühbucherrabatt bei Buchungen bis zum 30. April 2027 eingeräumt. Im Sommer 2027 fährt die Royal Clipper ab/bis Nizza durchs Mittelmeer. Einwöchige Kreuzfahrten werden dann ab 2100 Euro angeboten. Bis zum 31. Januar 2027 gibt es einen Frühbucherrabatt von zehn Prozent.
Auskünfte: Star Clippers Kreuzfahrten GmbH, Konrad-Adenauer-Str. 4, 30853 Langenhagen, gebührenfreie Telefonnummer 00800 – 78272547, E-Mail: info@star-clippers.de, Internet: www.star-clippers.de
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Susanne Müller ist Reisejournalistin und Kreuzfahrtexpertin. Seit 2011 prägte sie als Chefredakteurin das Kreuzfahrtmagazin Welcome Aboard und verantwortet heute das gleichnamige Onlinemagazin. Seit vielen Jahren ist sie auf den Weltmeeren unterwegs und berichtet aus eigener Erfahrung über Schiffe, Routen und Reiseziele.