Wer hat unsere Lok geklaut? eröffnet einen ungewöhnlichen Blick auf die Welt des Bildungsreisens, die Welt des Berliner Veranstalters Lernidee, der sein Programm seit den Anfängen vor 40 Jahren massiv erweitert hat. Auf den ersten Seiten wird deutlich, dass es sich nicht um eine nüchterne Unternehmenschronik handelt, sondern um ein lebendiges Porträt eines Veranstalters, der sich zwischen Abenteuerlust, pädagogischem Anspruch und dem pragmatischen Kalkül des Mittelstands bewegt, bei der die vermeintlich kleinen Entscheidungen große Auswirkungen auf den Erfolg haben. Das Buch zeigt, wie ein kleines, engagiertes Ein Mann-Unternehmen aus der Nische heraus zu einem der führenden Anbieter von Erlebnis- und Bildungsreisen in Deutschland wurde und ist voller Anekdoten und kleinen Geschichten.
Braun schildert, wie Gründer Hans Engberding in den Anfangsjahren mit improvisierten, selbst entworfenen Programmen die ersten Gruppenreisen organisierte: Das rollende Klassenzimmer, bei dem die Teilnehmer in den Abteilen der Transsibirischen Eisenbahn mit den Feinheiten der russischen Sprache vertraut wurden gemacht. Organisations- und Improvisationstalent schlugen gerade in den Anfangsjahren, aber auch heute noch, Perfektion und Luxus. Immer wieder kommt Engberding und seinem Team Bürokratie oder Fehlorganisation in den Weg, immer lösen sie dies mit Köpfchen, feinem Gespür für Kultur und Sitten des jeweiligen Landes, und oftmals auch mit diskret zugesteckten Scheinen. Abenteuer und Erlebnisse, gelöste Missgeschicke und Widrigkeiten, das ist der Stoff, aus dem unvergessliche Reisen bestehen. Im Nachhinein ist vieles amüsant, wie die Situation als hunderte mit Lernidee angereiste Zeugen Jehovas in St. Petersburg ohne die versprochenen Hotelbetten auf der Straße standen und ein Retterteam um Engberding versuchen musste, die Menschen irgendwo unterzubringen. Ein Albtraum, zumal Lernidee für dieses Missgeschick nicht verantwortlich war, aber natürlich löste das Team diese Situation. Autor Braun, der für viele deutsche Magazine gearbeitet hat und einen routinierten, spannenden Schreibstil hat, beschreibt immer wieder mit kleinen Anekdoten vor allem die jederzeit spürbare Haltung von Lernidee, seinen Gästen für ein wirklich außergewöhnliches Erlebnis auch mal das Unerwartete zuzumuten und mehr auf bleibende Erinnerungen zu setzen als auf Pauschaltourismus. Oder die titelgebende Geschichte, als ein liebestoller Bürgermeister in der russischen Provinz kurzerhand die Lokomotive beschlagnahmte, um zu seiner Geliebten zu kommen. Die Lernidee-Gäste saßen stundenlang fest, bis das russische Militär eingriff, die Lokomotive zurückbeorderte und die Fahrt weitergehen konnte.
Braun zeigt auch, wie Lernidee sich zwischen pädagogischem Anspruch und wirtschaftlicher Realität balanciert. Die Einführung neuer Programme wie Fahrradreisen wird nicht als Selbstverständlichkeit erzählt, sondern als Resultat von Beobachtung, Risikoabwägung und oft überraschenden Ideen. Das Buch zeichnet ein Bild von Lernidee, das weit über die Geschichte eines einzelnen Unternehmens hinausgeht. Das Buch erzählt von Unternehmergeist, Kreativität und der Fähigkeit, aus kleinen Anfängen etwas Nachhaltiges zu schaffen. Es ist ein Essay über die Dynamik und die Herausforderungen kleiner, stetig wachsender, Unternehmen und die oft komischen, manchmal dramatischen Geschichten, die hinter wirtschaftlichem Erfolg stehen. Braun beschreibt, dass Erfolg weniger durch Größe oder Kapital bestimmt wird, sondern durch Engagement, Innovationskraft und die Fähigkeit, Menschen zu begeistern.
Wer hat unsere Lok geklaut?
Harald Braun
Murmann Verlag
Hardcover, 304 Seiten, 29 Euro
ISBN: 978-3867748711
Weitere Informationen unter: https://www.murmann-verlag.de/products/harald-braun-wer-hat-unsere-lok-geklaut-wie-aus-einem-sprachkurs-die-vielleicht-aussergewohnlichste-reisegeschichte-deutschlands-wurde