„Guck mal: Verrückte Fußball-Orte“ aus dem Marco Polo Verlag ist auf den ersten Blick ein klassischer Themenreiseführer, entpuppt sich aber schnell als etwas deutlich Eigenständigeres: eine Mischung aus Sportreportage, Kulturgeschichte und kuriosem Anekdotenband. Autor Lars Sittig nimmt seine Leserinnen und Leser mit auf eine globale Entdeckungsreise, die von ungewöhnlichen Orten und überraschenden Geschichten lebt. Bereits der Untertitel – „101 schräge Highlights zum Wundern und Staunen“ – macht klar, dass hier nicht das Offensichtliche im Mittelpunkt steht, sondern das Skurrile, das Vergessene und das Abseitige.
Sittig bringt ideale Voraussetzungen für ein solches Projekt mit. Als langjähriger Sportreporter, unter anderem bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung, verbindet er journalistische Präzision mit persönlicher Leidenschaft für Fußballkultur. Seine Biografie zeigt sich deutlich im Ton des Buches: neugierig, detailverliebt und stets auf der Suche nach den Geschichten hinter den Kulissen. Ihn interessieren nicht nur Tore und Titel, sondern die Orte, an denen Fußball gelebt wird, von urbanen Hightech-Arenen bis zu abgelegenen Naturplätzen.
Die Gliederung des Buches folgt keiner strengen geografischen oder chronologischen Ordnung, sondern wirkt bewusst wie ein Kaleidoskop. Die insgesamt 224 Seiten versammeln 101 einzelne Kapitel, die jeweils einen Ort, ein Ereignis oder ein Phänomen in den Mittelpunkt stellen. Diese Struktur erlaubt es, das Buch sowohl linear als auch selektiv zu lesen. Zwischen den kurzen Texten finden sich zahlreiche Abbildungen, die das Entdecken zusätzlich anregen. Besonders auffällig ist die Bandbreite der vorgestellten Orte. Eines der eindrucksvollsten Beispiele ist der Sapporo Dome in Japan, dessen Hightech-Architektur stellvertretend für die moderne Stadionwelt steht. Hier wird Fußball als technologisches Erlebnis inszeniert, bei dem selbst das Spielfeld verschiebbar ist, Auf der anderen Seite führt Sittig seine Leser in extrem abgelegene Regionen, etwa zu einem versteckten Spielfeld im Hadschar-Gebirge. Dieser Ort steht exemplarisch für die Idee, dass Fußball überall stattfinden kann, selbst unter schwierigsten geografischen Bedingungen.
Ein weiteres Highlight ist die Erinnerung an Griechenlands sensationellen Triumph bei der Fußball-Europameisterschaft 2004. Sittig verankert dieses historische Ereignis an konkreten Orten und zeigt, wie eng sportliche Erfolge mit nationaler Identität und kollektiver Erinnerung verbunden sind. Ebenso spannend ist die „Fast-Sensation“ der Färöer gegen Deutschland, die als Beispiel für die Magie des Underdogs dient und verdeutlicht, dass Fußball immer auch Raum für Überraschungen lässt. Neben solchen bekannten Momenten widmet sich das Buch auch weniger präsenten Geschichten, etwa den Kerr Ladies, einem frühen Frauenfußballteam aus England. Dieser Abschnitt gehört zu den bemerkenswertesten des Buches, weil er zeigt, wie tief Fußballgeschichte in gesellschaftliche Entwicklungen eingebettet ist. Äußerst interessant sind auch vergessene Fan-Hotspots, Orte, die einst Zentren leidenschaftlicher Fankultur waren und heute kaum noch Beachtung finden. Sittig gelingt es hier, eine gewisse Melancholie einzufangen, ohne nostalgisch zu verklären. Stattdessen werden diese Orte als Teil einer lebendigen, sich ständig wandelnden Fußballlandschaft dargestellt. Ebenso faszinierend sind die Berichte über ungewöhnliche Spielorte, etwa Plätze, die durch extreme klimatische Bedingungen geprägt sind, sei es Hitze, Kälte oder Höhenlage. Fußball erscheint hier weniger als standardisierte Sportart, sondern als kulturelle Praxis, die sich an ihre Umgebung anpasst. Zahlreiche kleine Anekdoten ziehen sich durch das gesamte Werk, sie reichen von skurrilen Fanritualen bis hin zu ungewöhnlichen Rekorden und tragen maßgeblich zur unterhaltsamen Wirkung des Buches bei.
Insgesamt gelingt es Sittig, ein Panorama zu entwerfen, das den Fußball in seiner ganzen Vielfalt zeigt. Das Buch ist weder ein klassischer Reiseführer noch ein reines Sachbuch, sondern eine hybride Form, die beide Ansätze miteinander verbindet. Es geht nie nur um den Ort selbst, sondern immer um die Geschichte dahinter. Ein Stadion ist bei Sittig nicht einfach ein Gebäude, ein Spielfeld nicht nur eine Fläche. Jeder Ort steht für eine bestimmte Facette des Fußballs, sei es Technik, Geschichte, Emotion oder Improvisation. Gerade durch diese konkreten, oft ungewöhnlichen Beispiele gewinnt das Buch seine besondere Qualität und hebt sich deutlich von klassischen Fußballbüchern ab.
Unterm Strich ist „Guck mal: Verrückte Fußball-Orte“ ein unterhaltsames, informatives und stellenweise überraschend tiefgründiges Buch. Es zeigt, dass Fußball weit mehr ist als ein Spiel, nämlich ein globales kulturelles Phänomen.
Guck mal: Verrückte Fußball-Orte
Lars Sittig
Marco Polo
Broschur 224 Seiten, 19,95 Euro
ISBN: 978 – 3575 0233 77
https://www.marcopolo.de/produkte/inspiration-13/werk/guck-mal-verrueckte-fussball-orte-13556