Manchmal hat man nur einen Tag für Belfast – etwa im Rahmen einer Kreuzfahrt. Doch eigentlich sollte man sich viel mehr Zeit nehmen, um Nordirlands Hauptstadt, den „Geburtsort der Titanic“, samt Umland kennenzulernen.
Belfast hat in den vergangenen Jahrzehnten einen beeindruckenden Wandel hingelegt. Seit dem Friedensabkommen von 1998 haben sich die Gästezahlen vervierfacht. Die Stadt besitzt seither szenige Bars, coole Hotels und moderne Bauten, wie die 2024 eröffnete XXL-Grand Central Station. Der moderne Bahnhof verbindet die Hauptstadt Nordirlands unter anderem mit der zweiten Hauptstadt der grünen Insel. Aber warum wegfahren? Es gibt schließlich so viel zu sehen – von neuen Museen über neue Flusspromenaden bis hin zu ganz neuen Vierteln – und noch mehr zu hören. (Live-)Musik ist wirklich zu fast jeder Tageszeit omnipräsent. Nicht umsonst hat die UNESCO die 350.000-Einwohner-Stadt zur „City of Music“ geadelt.
Tag 1: Wohin man blickt und hört: Musik
Im umtriebigen Oh Yeah Music Centre wird Belfasts Musikalität besonders greifbar. Daher stellt die populäre Dauerausstellung zu Nordirlands Musik einen optimalen Startpunkt dar. Nachdem die Gibson-Gitarre von Gary Moore, die signierte, erste Single der Undertones („Teenage Kicks“) und andere Schätze begutachtet wurden, führt die gleich hier beginnende Belfast Music Walking sowohl durch die Stadt als auch deren Musikgeschichte. Ausgewiesene Guides erzählen bei dem Rundgang etwa von Snow Patrol als Musikbotschafter der Stadt, von der Weltpremiere von „Stairway to heaven“ 1971 in der nahen Ulster Hall und von international bekannten Szene-Clubs wie „Limelight“, „The Empire“ und „Voodoo“. Wer sich eher für Irlands traditionelle Musik interessiert, wandelt auf dem Traditional Music Trail. Der schlängelt sich durch das künstlerische Herzstück des mit Dutzenden übergroßen Murals aufwartenden Cathedral Quarter, das sich um die Kathedrale of St. Anne mit der ikonischen, 40 Meter hohen Turmspitze „Spire of Hope“ ausbreitet.
Tipps für Belfast
Hoffnungen auf einen gelungenen Pub-Abend (der nicht selten bereits am Nachmittag beginnt) sind mehr als berechtigt, die Auswahl ist riesig. Wie wäre es mit „The Dirty Onion“ oder mit dem wie ein Privatzimmer wirkenden Musik-Pub „Duke of York“, dessen bunte Schirme über der Gasse davor auch als eindrucksvolles Fotomotiv herhalten? „McHugh’s Pub“ hingegen atmet Geschichte, wird hier doch seit 1711 Bier ausgeschenkt. Garantiert lebhaft geht es übrigens im „Thirsty Goat“ zu. Es ist der ideale Ort für alle, die Durst und Bock haben auf typisch irische Instrumente wie Fiddle, Flöte und Banjo.
Tag 2: Dunkle Geschichte, bunte Botanik
Belfast, da gibt es nichts zu beschönigen, hat ein dunkles Kapitel: die Troubles. Besucher, die sich mit den zwischen 1969 und 1998 wütenden Unruhen auseinandersetzen wollen, nehmen dazu am besten an einer Black Taxi Tour teil. Dabei chauffieren Belfaster Urgesteine wie Billy Scott Gäste durch die Stadt und erzählen viel Wissenswertes, auf kurzweilige und persönliche Art. Immer wieder hält der Wagen dann an neuralgischen Stellen an, etwa am Clonard Memorial Garden. In den kleinen Gedenkstätten, die ganz Belfast überziehen, wird den Ereignissen von einst gedacht. Scott und Co. fahren in katholische wie protestantische Viertel, zeigen mitunter recht martialische und beklemmende Murals (Wandgemälde) sowie die bis zu acht Meter hohe Peaceline. Der bekannteste Abschnitt der kilometerlangen Absperrung, eine von über einem Dutzend, ist mit Friedensbotschaften derart voll, dass man kaum Platz für die eigene Unterschrift findet.
Der botanische Garten
Nach der schweren Kost tut Zerstreuung gut. Finden lässt sie sich an vielen heiteren Orten in Belfast, etwa im Botanischen Garten, einem beliebten Treffpunkt für Einwohner, Studenten und Touristen. Die steuern vor allem das Palmenhaus an, eines der frühesten Beispiele eines krummlinigen Gewächshauses aus Gusseisen und wichtiger Teil von Belfasts viktorianischem Erbe. Auf der anderen Seite der ehrwürdigen Uni sorgen im Queen’s Quarter Bookshops, Vintageläden, Tattoostuben und (vegane) Cafés für gute Vibes. Wen es eher ins Museum zieht: Das nahe Ulster Museum beheimatet tausende Werke moderner Künstler, historische und archäologische Sammlungen sowie die ständig erneuerte Kunstgalerie.
Auf zur Titanic
Der Nachmittag gehört dem berühmtesten Objekt der Stadt: der Titanic, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der Belfaster Werft gebaut wurde. An eben jener Stelle erinnert seit 2012 das supermoderne Titanic Museum (Foto ganz oben), Leuchtturmprojekt des gleichnamigen Viertels, das mit edlen Wohnungen, Restaurants, Jachthafen und Geschäften eines der weltgrößten Stadtsanierungsprojekte darstellt. Beeindruckend, besonders eben das Museum, das sich mit knapp 900.000 Besuchern pro Jahr zu Nordirlands meistbesuchter Sehenswürdigkeit entwickelt hat und von außen an drei silbern glänzende Schiffsbuge erinnert. Oder an Eisberge? Im Inneren erzählt es die Geschichte des Schiffs, vom Bau bis zum Untergang. Und schnell wird klar, warum die „Experience“ so beliebt ist: Sie ist multimedial, immersiv, hochmodern. Man schwebt per Gondel durch Werftkulissen, hört Originalstimmen, erfährt von Einzelschicksalen und bekommt Gänsehaut, wenn die Namen der Toten an die Wand gebeamt werden. Ergreifend auch der Raum danach, unter dessen Decke sich ein zehn Meter großes, spacig beleuchtetes „Ship of Dreams“ zu Celine Dions Titanic-Schmachthit dreht.
Tag 3: Mehr Meer!
Wasser ist in Belfast präsent, aber so richtige Meerstimmung kommt aufgrund der Stadtlage am schmalen Ende der langen Bay of Belfast nicht auf. Erst, wenn sich die Bucht beim Ort Carrickfergus und erst recht bei Whitehead öffnet. Unsere Empfehlung: Die Larne-Line-Tram bis Whitehead nehmen und dann auf der breiten Promenade weiterspazieren, bis zum Blackhead Lighthouse. So schön es ist, das rund 40 Meter über den Wogen thronende Ensemble aus zwei Gebäuden und dem Leuchtturm anzusehen: Noch schöner ist es freilich, dort zu übernachten. Ein Aufenthalt in den ebenso großzügigen wie geschichtsträchtigen Ferienwohnungen kostet auch nicht die Welt! Doch egal ob man nun hier oder anderswo übernachtet: Der Pfad, der erst runter zum Meer und dann am Fuß der Klippen um den Turm herumführt, macht richtig Laune.
Wer Gefallen daran findet, so nah am wilden Wasser zu wandeln, findet mit dem nicht weit entfernten, 2015 wiedereröffneten Gobbins Cliff Path einen noch weit dramatischeren Küstenpfad. Auf einer atemberaubenden, im Vergleich zum über 100-jährigen Originalweg leicht veränderten Strecke geht es treppauf, treppab, mal über Brückchen, mal durch Felsspalten, aber immer nah an der Gischt, nah am Abenteuer, nah an der Steilwand. Prädikat: eindrucksvoll!
Tag 4: Küstenstraße de luxe
Auf den Lauftag folgt ein Fahrtag. Wobei ein Tag für die Causeway Coastal Route, die auf rund 200 Kilometern Belfast und Derry~Londonderry verbindet, eigentlich viel zu wenig ist. Andererseits ist dies ein Ziel für den nächsten Besuch! Wichtig jedoch ist es, früh aufbrechen. Schließlich schlängelt sich die Panoramastraße derart nah an der aufsehenerregenden Nordküste Nordirlands entlang, dass man ständig anhalten, jauchzen und Fotos machen könnte: neben den Burgen, Ruinen und süßen Städtchen vor allem von der Küstenlandschaft mit ihrer einzigartigen geologischen Schönheit samt unberührter Strände und aufregender Klippen.
Das gilt insbesondere für den Giant’s Causeway, Nordirlands erste UNESCO-Welterbestätte. Ein spektakulärer Ort, haben hier doch am Ufer vulkanische Aktivitäten vor Jahrmillionen etwa 40.000 irre Basaltsäulen jeglicher Größe geformt – auch wenn der Legende nach der Riese Fionn McCumhaill dafür verantwortlich war. Für die Errichtung der Carrick-a-Rede-Seilbrücke waren eindeutig Lachsfischer am Werk. Stark, wie sie die Fußgängerbrücke in rund 30 Meter Höhe zwischen Festlandsklippen und der vorgelagerten, nicht minder steilen Insel gespannt haben. Noch stärker: Dass man diese heutzutage auch als Nicht-Fischer benutzen kann. Eine tolle Szenerie samt aufregender Schaukelpartie! Von dort geht es übers Landesinnere rasch zurück nach Belfast!

Luftaufnahme des Rathauses von Belfast und des Grand Central Hotels im Hintergrund
Tag 5: Nochmal in die Stadt
Letzter Tag, letzte Chance zum Shoppen. Und nirgends geht das besser als im zentral gelegenen, modernen Victoria Square, Nordirlands Nummer-Eins-Shoppingzentrum. Wer dem nichts, aber einem historischen Gebäude viel abgewinnen kann, streift durch die City Hall nebenan. Das Rathaus mit dem kupferfarbenen Kuppeldach und dem eleganten Portland-Stein ist wirklich sehenswert. Das gilt auch für J&J McConnell’s Distillery, dem perfekten Städtetrip-Absacker am Nachmittag! Von den vielen Whiskeybrennereien ist sie die derzeit aufregendste. Der Grund: Herstellung und Besucherzentrum befinden sich im Crumlin Road Gaol Gefängnis. Da sind Maischbehälter und Brennkessel wie die Probierräume in ehemaligen, jetzt herausgeputzten Zellen untergebracht. Hinter Gitter finden sich nur noch extrawertvolle Destillate von damals. Auf einer Tasting Tour lernen Besucher dann dank Guides wie Sam alles über das Destillieren. Was sie ebenfalls erfahren: Wie gut die Spirituose mit Ginger Ale, das im Übrigen in Belfast erfunden wurde, harmoniert und dass die viel gelobte Gaol Experience nebenan sogar „echte“ Gefängniseinblicke ermöglicht.

Der besondere Tipp: Mit dem Bus zur Kunst
„Arts across Belfast“ ist keine Bustour wie jede andere, sondern eine rollende Entdeckungsreise durch das kreative Herz der Stadt. Für 40 Pfund (plus Buchungsgebühr) geht es vier Stunden lang quer durch Belfast, vorbei an Skulpturen und Street Art, hinein in Galerien und Musikclubs und zu den Orten, an denen große Künstlerinnen und Künstler ihre Spuren hinterlassen haben. Es geht dabei ebenso um bildende Kunst und Literatur wie auch um Film, Theater und Musik. Konkret steuert die Tour folgende Kulturhotspots an: das MAC, das Cultúrlann McAdam Ó Fiaich, das Seamus Heaney Centre an der Queen’s University und das EastSide Visitor Centre. Und weil Kunst in Belfast nicht nur angesehen, sondern erlebt wird, erwartet Besucher an einem der Stationen eine Live-Performance. An welcher? Wird vorab nicht verraten.
Mehr Infos gibt es hier.
Lesen Sie hier die Reportage über: Abenteuer am Wild Atlantic Way