August 23, 2026

Stadt der Schatten

Rezension / Buchkritik „Stadt der Schatten" von Aro Sáinz de la Mazas, Rütten & Loening Verlag. Viel Barcelona-Atmosphäre und Spannung

August 23, 2026

Barcelona ist in Aro Sáinz de la Mazas „Stadt der Schatten“ weit mehr als bloße Kulisse. Die katalanische Metropole mit ihren berühmten Bauwerken, engen Straßen und historischen Abgründen wird selbst zur Hauptfigur. Der Kriminalroman ist der Auftakt der Reihe um den eigenwilligen Inspektor Milo Malart und führt direkt in einen Fall, der ebenso grausam wie rätselhaft beginnt.

Ein Mensch wird am helllichten Tag bei lebendigem Leib verbrannt. Der Schauplatz könnte kaum spektakulärer gewählt sein: ein berühmtes Bauwerk des Architekten Antoni Gaudí. Der Täter handelt nicht heimlich, sondern scheint geradezu darauf aus zu sein, gesehen zu werden. Schnell stellt sich die Frage, ob der Ort des Mordes lediglich eine theatralische Kulisse oder tatsächlich der Schlüssel zum Motiv ist. Und schon bald wird deutlich, dass es nicht bei diesem einen Verbrechen bleiben könnte.

Ausgerechnet Inspektor Milo Malart soll Licht in das Dunkel bringen. Allerdings ist Malart zum Zeitpunkt des Mordes vom Dienst suspendiert. Ein tragisches persönliches Ereignis hat ihn aus der Bahn geworfen und seine Rückkehr in den Polizeidienst wird von seinen Kollegen keineswegs begeistert aufgenommen. Malart ist brillant, aber schwierig, ein Einzelgänger, der Regeln eher als Hindernisse denn als Orientierung betrachtet. Gerade seine kompromisslose Art macht ihn für diesen Fall jedoch unverzichtbar.

Besonders gelungen ist, dass Malart nicht als makelloser Superermittler angelegt ist. Seine Genialität steht neben seiner Verletzlichkeit, seiner Besessenheit und der Unfähigkeit, sich problemlos in die Strukturen der Polizei einzufügen. Dadurch erhält die Figur eine psychologische Tiefe, die den eigentlichen Kriminalfall immer wieder um eine persönliche Ebene erweitert. Malart ermittelt nicht nur gegen einen Täter, sondern kämpft zugleich mit seinen eigenen Dämonen. Diese innere Zerrissenheit macht ihn zu einer Figur, deren Entwicklung mindestens ebenso interessant ist wie die Aufklärung des Mordes.

Aro Sáinz de la Maza wurde in Barcelona geboren und lebt und schreibt bis heute dort. Seine Milo-Malart-Reihe wurde in mehrere Sprachen übersetzt, mit Preisen ausgezeichnet und auch für Netflix adaptiert. „Stadt der Schatten“ erschien im spanischen Original bereits 2020, weitere Bände folgten und sind hoffentlich demnächst auch auf Deutsch verfügbar. Die besondere Stärke de la Mazas liegt in der Konstruktion komplexer Spannungsplots. Verschiedene Handlungsstränge laufen zunächst scheinbar unabhängig voneinander, bevor sie sich allmählich miteinander verbinden. Auch in diesem Roman nutzt er dieses Prinzip konsequent.

 

Der Schreibstil ist atmosphärisch und detailreich, ohne sich ausschließlich auf schnelle Action zu verlassen. Der Autor nimmt sich Zeit, Barcelona und seine Geschichte zu erkunden und die Ermittlungsarbeit ausführlich zu schildern. Gleichzeitig wechselt die Perspektive immer wieder zwischen Ermittlern, Täter und Opfern. Dadurch erhält die Geschichte Nähe zum Geschehen: Der Leser weiß mitunter mehr als Malart und wartet gerade deshalb gespannt darauf, wann er die entscheidende Verbindung herstellen wird.

Der Spannungsbogen entsteht weniger durch spektakuläre Wendungen als durch das beharrliche Freilegen immer neuer Zusammenhänge. Vergangenheit und Gegenwart greifen ineinander, persönliche Schicksale vermischen sich mit dem eigentlichen Mordfall und hinter der offensichtlichen Brutalität des Täters verbirgt sich ein Motiv, das sich erst nach und nach erschließt.

„Stadt der Schatten“ ist ein Kriminalroman für Leser, die neben Spannung auch Wert auf Atmosphäre, komplexe Figuren und eine verschachtelte Handlung legen. Vor allem Ermittler Milo Malart macht neugierig auf die weiteren Fälle: ein beschädigter, eigensinniger Mann, dessen größte Stärke zugleich seine größte Schwäche ist. So gelingt Sáinz de la Maza ein vielversprechender Auftakt, der zeigt, dass in dieser Stadt nicht nur die Sonne scheint, sondern auch sehr lange Schatten fallen.

Stadt der Schatten

Aro Sáinz de la Maza

Rütten & Loening Verlag

Gebunden, mit Schutzumschlag, 621 Seiten, 26 Euro

ISBN: ‎ 978-3352010330

https://www.aufbau-verlage.de/ruetten-loening/stadt-der-schatten/978-3-352-01033-0

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