September 20, 2026

Septembermord

Buchkritik / Rezension "Septembermord", Chris Chibnall, Piper Verlag. Britischer Dorfkrimi mit viel Atmosphäre und Wendungen

September 20, 2026

Mit „Septembermord“ legt der britische Drehbuchautor Chris Chibnall seinen ersten Roman vor und wagt damit den Schritt vom Drehbuch zur erzählenden Prosa. Dass dieser Wechsel für ihn erstaunlich selbstverständlich wirkt, dürfte kaum überraschen: Chibnall ist seit Jahren einer der profiliertesten Autoren des britischen Fernsehens und hat mit Serien wie „Broadchurch“ und „Doctor Who“ gezeigt, dass er komplexe Figuren, atmosphärische Schauplätze und sorgfältig konstruierte Spannungsbögen miteinander verbinden kann. „Septembermord“ bildet den Auftakt der Reihe „Ein Fall für Bridge und Ward“.

Im Mittelpunkt des Debütromans steht das kleine englische Dorf Fleetcombe, eine scheinbar idyllische Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt und das Leben seinen beschaulichen Gang zu gehen scheint. Doch diese Idylle bekommt bereits auf den ersten Seiten des Buchs einen empfindlichen Riss. Der Wirt des örtlichen Pubs „White Hart“, James Tiernan, wird tot aufgefunden. Grotesk auf einem Stuhl mitten auf einer Straße gefesselt und mit einem Hirschgeweih auf dem Kopf. Das macht sofort klar, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Todesfall handelt. Der Mord ist eine Inszenierung und damit zugleich eine Botschaft. Was genau der Täter damit ausdrücken will und warum Tiernan auf diese Weise sterben musste, wird zur zentralen Frage der Ermittlungen.

Die Ermittlungen übernimmt Detective Nicola Bridge, die erst vor kurzem in ihre alte Heimat zurückgekehrt ist. Zusammen mit dem noch jungen DC Harry Ward beginnt sie, die Bewohner von Fleetcombe zu befragen. Gerade dieser Schauplatz erweist sich als entscheidend für die Handlung. Denn „Septembermord“ ist nicht in erster Linie ein Krimi über spektakuläre Polizeiarbeit, Chibnall interessiert sich vielmehr für die Dynamik einer kleinen Gemeinschaft. Jeder kennt jeden, jeder weiß etwas über die anderen, und beinahe jeder hat einen Grund, nicht alles zu erzählen. Schweigen, Ausweichen, Halbwahrheiten und kleine Widersprüche werden zu den eigentlichen Hindernissen der Polizeiarbeit.

Damit bewegt sich Chibnall sehr bewusst in der Tradition des britischen Dorfkrimis. Fleetcombe erinnert an jene scheinbar friedlichen Orte, in denen die Fassade der Normalität besonders sorgfältig gepflegt wird, während unter ihr alte Konflikte, Abhängigkeiten, Eifersüchteleien und persönliche Schuld verborgen liegen. Die persönliche Verbindung der leitenden Ermittlerin zu Fleetcombe macht die Situation kompliziert. Sie kehrt an einen vertrauten Ort zurück und muss gleichzeitig feststellen, dass sie ihn vielleicht nicht mehr so gut kennt, wie sie geglaubt hat. Ihre Ermittlungen werden dadurch auch zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und mit der Frage, wie sehr man einen Ort wirklich hinter sich lassen kann.

Beim Aufbau zeigt sich besonders deutlich Chibnalls Erfahrung als Drehbuchautor. „Septembermord“ ist sehr stark dramaturgisch organisiert. Der Roman beginnt mit einem effektvollen Mordbild und arbeitet anschließend nicht mit permanenten Actionhöhepunkten, sondern mit einer kontinuierlichen Verdichtung. Die Ermittler kommen zunächst nur langsam voran. Aussagen passen nicht zusammen, Menschen verschweigen Dinge, Verdächtige tauchen auf und verschwinden wieder aus dem Fokus. Chibnall lässt die Spannung nicht dadurch entstehen, dass ständig neue Leichen auftauchen oder die Ermittler permanent in Lebensgefahr geraten. Stattdessen wächst das Misstrauen. Je mehr Nicola und Harry über Fleetcombe erfahren, desto weniger eindeutig wird die Situation. Fast jeder könnte ein Motiv haben, fast jeder scheint etwas zu verbergen.

Der Aufbau der einzelnen Kapitel unterstützt diesen Effekt. Die eher kurzen Abschnitte verleihen dem Roman ein zügiges Lesetempo, ohne dass die Handlung dadurch hektisch wird. Chibnall schreibt flüssig, präzise und atmosphärisch mit detailreichen, bildhaften, aber präzisem Stil. Besonders gut gelingt ihm die Beschreibung der Atmosphäre des englischen Südens: das kleine Dorf, die Straßen, der Pub, die verschlossenen Bewohner und die unterschwellige Spannung zwischen dem idyllischen Erscheinungsbild und den Geheimnissen dahinter. Nebel und Landschaft sind dabei nicht bloß dekorative Elemente, sondern verstärken das Gefühl, dass in Fleetcombe nie alles so sichtbar ist, wie es zunächst scheint. „Septembermord“ vertraut darauf, dass Atmosphäre und Figuren genauso spannend sein können wie Verfolgungsjagden.

Besonders gelungen ist deshalb die Verbindung von Spannung und Lokalkolorit. Dem Autor gelingt eine herausragende Darstellung der Dorfgemeinschaft, der kauzigen Bewohner und ihrer Verstrickungen. Fleetcombe wirkt nicht wie ein austauschbarer Tatort, sondern wie ein Ort mit Geschichte und eigenen Regeln. Die Dorfgemeinschaft besitzt etwas Behagliches und gleichzeitig Beklemmendes. Genau darin liegt die Atmosphäre des Romans: Hinter dem vertrauten Gesicht des Nachbarn könnte sich ein Geheimnis verbergen, hinter einem harmlosen Gespräch ein Hinweis auf den Mord.

Als Debüt ist „Septembermord“ deshalb bemerkenswert souverän. Die Romanhandlung bleibt klar und zugänglich, ohne banal zu werden. Als Auftakt der Reihe „Ein Fall für Bridge und Ward“ macht der Roman neugierig auf die Fortsetzung. Nicola Bridge und Harry Ward besitzen genügend Eigenständigkeit, gerade ihre unterschiedlichen Erfahrungen versprechen für weitere Fälle interessante Möglichkeiten.

Septembermord

Chris Chibnall

Piper Verlag

Taschenbuch, 416 Seiten, 18 Euro

ISBN: ‎ 978-3492068819

Weitere Informationen unter https://www.piper.de/buecher/septembermord-isbn-978-3-492-06881-9

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