Mit „Komm spielen“ schlägt der kanadische Bestsellerautor Linwood Barclay einen neuen Weg ein. Während seine früheren Romane vor allem für realistische Psychothriller mit überraschenden Wendungen bekannt sind, verbindet er in diesem Werk klassischen Thriller, Mystery und Horrorelemente zu einer düsteren Geschichte, die immer wieder an die frühen Romane Stephen Kings erinnert. Der im Aufbau Taschenbuch Verlag (atb) erschienene Roman entfaltet seine Handlung mit großer erzählerischer Geduld, bevor sie sich in einem rasanten Finale entlädt. Dabei setzt Barclay weniger auf permanente Action als auf eine stetig wachsende Atmosphäre der Bedrohung.
Linwood Barclay wurde 1955 in den USA geboren und lebt heute in der Nähe von Toronto. Nach einem Studium der Englischen Literatur arbeitete er viele Jahre als Journalist und Kolumnist, bevor ihm 2007 mit „Ohne ein Wort“ der internationale Durchbruch gelang. Seine Romane wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und regelmäßig zu Bestsellern.
Im Mittelpunkt der Handlung steht Annie Blunt, eine erfolgreiche Kinderbuchautorin, deren Leben innerhalb kurzer Zeit vollkommen zerbrochen ist. Nach mehreren schweren Schicksalsschlägen zieht sie mit ihrem zehnjährigen Sohn Charlie aus New York in das beschauliche Castle Creek. Der Ortswechsel soll beiden helfen, ihre Trauer zu verarbeiten und einen Neuanfang zu wagen. Zunächst scheint das ländliche Leben genau die Ruhe zu bieten, die Mutter und Sohn dringend benötigen. Charlie entdeckt im Schuppen des gemieteten Hauses eine alte Modelleisenbahn und anderes nostalgisches Spielzeug. Was zunächst wie eine harmlose Beschäftigung wirkt, entwickelt sich jedoch Schritt für Schritt zu etwas Bedrohlichem. Gleichzeitig ereignen sich in einer benachbarten Stadt rätselhafte Todesfälle, deren Zusammenhang mit Annie zunächst völlig unklar bleibt. Als Charlie schließlich verschwindet, wird deutlich, dass hinter den scheinbar unabhängigen Ereignissen eine unheimliche Macht steckt, deren Ursprung weit in die Vergangenheit zurückreicht.
Barclay erzählt seine Geschichte auf mehreren Zeitebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven. Gerade diese Erzählweise erzeugt eine stetige Spannung, weil jede neue Information ein weiteres Puzzleteil liefert. Nach und nach verbinden sich die verschiedenen Handlungsstränge zu einem komplexen Gesamtbild. Die Figuren sind überzeugend gezeichnet. Annie wirkt trotz ihrer tragischen Vergangenheit niemals übertrieben heroisch. Gerade die emotionale Ebene verleiht dem Roman seine Stärke. Der Leser verfolgt nicht nur die Aufklärung rätselhafter Ereignisse, sondern erlebt zugleich eine Geschichte über Verlust, Schuldgefühle und die schwierige Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. Charlie wiederum verkörpert die kindliche Neugier, die ihn ungewollt in größte Gefahr bringt. Auch zahlreiche Nebenfiguren erhalten genügend Raum, um glaubwürdig zu wirken und zur Gesamtgeschichte beizutragen.
Stilistisch überzeugt Barclay erneut durch eine klare, flüssige Sprache. Längere Beschreibungen wechseln sich mit kurzen, spannungsgeladenen Kapiteln ab. Dadurch entsteht ein angenehmer Lesefluss, obwohl der Roman einen beträchtlichen Umfang besitzt. Der Roman beginnt wie ein klassisches Familiendrama, entwickelt sich anschließend zu einer Mystery-Geschichte und endet schließlich als Horrorroman mit psychologischer Tiefe. Diese Mischung gelingt erstaunlich harmonisch.
Insgesamt ist „Komm spielen“ ein äußerst gelungener Spannungsroman, der Thriller-, Mystery- und Horrorelemente überzeugend miteinander verbindet. Wer offen für übernatürliche Spannung und atmosphärischen Horror ist, erhält einen außergewöhnlichen Roman mit starken Figuren und einem Finale, das viele zuvor gelegte Hinweise schlüssig zusammenführt.
Komm spielen
Linwood Barclay
Aufbau Verlag
Taschenbuch, 512 Seiten, 17 Euro
ISBN: 978-3746642499
https://www.aufbau-verlage.de/aufbau-digital/komm-spielen/978-3-8412-3866-5