Schon beim Anlegen im Hafen von Puerto Quetzal liegt ein besondere Kribbeln in der Luft. Die schwüle Wärme der Pazifikküste, das geschäftige Treiben im großen Containerhafen und im Hintergrund das ferne Grün der Vulkanhänge – all das erwartet uns bei unserer Ankunft in Guatemala.
„Seien Sie vorsichtig. Nehmen Sie keine Wertsachen mit. Guatemala ist gefährlich“, hatte uns der Schiffslektor gewarnt. Okay, wir lassen Schmuck und die große Kamera in der Kabine und begeben uns etwas beklommen auf den Landgang. Wir hatten einen Minivan mit Fahrer und Guide gebucht und machen uns auf den Weg nach Antigua, eine der faszinierendsten Kolonialstädte der Neuen Welt.
Durch Bananenfelder und Kaffeeplantagen
Die knapp zweistündige Fahrt vom Hafen ins Hochland ist ein Erlebnis für sich. Während der Van sich langsam von der Küste entfernt, verändert sich die Landschaft spürbar. Zuckerrohr- und Bananenfelder weichen Kaffeeplantagen und sattgrünen Hügeln. Immer wieder öffnen sich Ausblicke auf mächtige Vulkankegel – stumme Wächter eines Landes, das seit jeher im Spannungsfeld zwischen Schönheit und Naturgewalt lebt.
Antigua: Ausflug in die Kolonialzeit
Antigua empfängt uns mit einem beinahe unwirklichen Anblick: kopfsteingepflasterte Straßen, pastellfarbene Kolonialhäuser und die Ruinen einst prächtiger Kirchen, eingerahmt von einer dramatischen Vulkanlandschaft. Gegründet im Jahr 1543 unter dem Namen Santiago de los Caballeros, war Antigua über zwei Jahrhunderte hinweg die Hauptstadt des spanischen Königreichs Guatemala und eines der wichtigsten politischen, religiösen und wirtschaftlichen Zentren Mittelamerikas. Reichtum und Macht spiegelten sich in imposanten Klöstern, Universitäten und Palästen wider.
UNESCO-Weltkulturerbe
Doch die Geschichte der Stadt ist auch eine Geschichte der Zerstörung. Mehrere schwere Erdbeben im 18. Jahrhundert setzten Antigua so stark zu, dass die spanische Krone schließlich beschloss, die Hauptstadt zu verlegen – ins heutige Guatemala-Stadt. Antigua wurde weitgehend aufgegeben und fiel in einen jahrzehntelangen Dornröschenschlaf. Genau dieser Umstand bewahrte jedoch ihren einzigartigen kolonialen Charakter. Heute gehört die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe und gilt als eines der besterhaltenen Beispiele spanischer Kolonialarchitektur in Lateinamerika.
Beim Spaziergang durch die Stadt wird Geschichte lebendig. „Hier erzählt jeder Pflasterstein eine Geschichte“, sagt unser Guide Eduardo. Er lebt in Antigua, ist hier zur Highschool gegangen und kennt jeden Fleck seiner Stadt. Wir folgen ihm durch die Straßen, schauen in Innenhöfe mit plätschernden Brunnen, entdecken kunstvoll verzierte Fassaden und wunderschöne, kleine Cafés. Antigua ist kein Museum, sondern ein pulsierendes Zentrum für Kultur, Kunst und Bildung. „Fühlt ihr euch unsicher hier?“, fragt Eduardo und alle schütteln die Köpfe. „Das braucht ihr auch nicht“, nickt er. „Antigua ist absolut sicher, hier habt ihr nichts zu befürchten.“
Zerfallene Kuppeln und sakrale Pracht
Ein besonderes Kapitel Antiguas sind seine Kirchen und Klosteranlagen, die zu den eindrucksvollsten der gesamten Region zählen. Bauwerke wie die Kathedrale von San José, die Iglesia de La Merced mit ihrer prachtvollen gelben Fassade oder die geheimnisvollen Ruinen von San Francisco erzählen von religiösem Reichtum, kolonialem Machtanspruch und den Spuren der Erdbeben, die die Stadt geprägt haben. Viele Kirchen sind bewusst teilweise unrestauriert geblieben. Zerfallene Kuppeln, offene Gewölbe und von Pflanzen überwachsene Mauern verleihen ihnen eine fast mystische Atmosphäre. Gerade dieses Nebeneinander von sakraler Pracht und Vergänglichkeit macht den Reiz aus.
Im Schatten der Vulkane
Allgegenwärtig sind die Vulkane, die Antigua wie eine monumentale Kulisse umrahmen. Der sanfte, fast perfekt geformte Vulkan Agua dominiert den Horizont, während Acatenango und vor allem der Volcán de Fuego die Kraft der Natur verkörpern. Letzterer macht seinem Namen alle Ehre: Etwa alle 20 Minuten stößt er Rauch, Asche oder kleine Explosionen aus.
Gerade dieser Kontrast macht den Reiz eines Landgangs nach Antigua aus: die besondere Atmosphäre in den kolonialen Straßen, die eindrucksvolle Geschichte und das stetige, sichtbare Zeichen vulkanischer Aktivität. Antigua hinterlässt das Gefühl, einen ganz außergewöhnlichen Ort erlebt zu haben.
Text & Fotos: Susanne Müller
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