Bei einer Flusskreuzfahrt auf dem Amazonas und seinen Nebenflüssen im Norden Perus avancieren Urlauber zu Entdeckern. Sie kommen den Geheimissen des Dschungels auf die Spur, begegnen Affen, tropischen Vögeln und Flussdelfinen. Und sammeln Tag für Tag Once-in-a-lifetime-Erlebnisse.
„Guantanamera!“ Rony und Amalier spielen Gitarre vor meiner Kabine, stimmen kurz den kubanischen Gassenhauer an, werfen vorsichtshalber noch ein fröhliches „This ist your wake-up call“ hinterher und ziehen weiter zur nächsten Tür. Es ist 5.30 Uhr. Eine halbe Stunde später sitze ich zusammen mit sieben anderen Gästen in einem schmalen Motorboot und tuckere über den Marañón, einem Nebenfluss des Amazonas im Norden Perus.

Der Morgen dämmert und es regnet. Eingehüllt in wasserdichte Ponchos gleiten wir immer tiefer in den Dschungel hinein, nehmen seine Geräusche in uns auf: das Prasseln der Regentropfen, den Gesang unzähliger Vögel, das Quaken von Fröschen, das Zirpen der Grillen. „Stop!“ Juan Tejada, unser naturkundlicher Führer, gibt dem Bootsführer ein Zeichen, den Motor zu drosseln. „Habt ihr den Leguan gesehen?“ Alarmiert schauen alle nach oben. Im grünen Gewirr der feucht glänzenden Dschungelbäume hat niemand so etwas wie einen Leguan gesehen. Juan knipst seinen Laserpointer an und lässt den grünen Punkt am Stamm eines dicken Baumes nach oben tanzen. Und nun erkennen wir ihn auch. Bewegungslos liegt ein großer, giftgrüner Leguan in einer Astgabel. Unfassbar, wie Juan den entdecken konnte …

Wir fahren weiter. Aber schon nach ein paar Metern lässt Juan das Boot wieder halten. „Debby! Hast du den Kingfisher im Blick?“ Die Kanadierin lässt vor Schreck fast ihr Notizbuch fallen und klemmt sich sekundenschnell ihr Fernglas vor die Augen. „Nein! Wo ist er denn?“ Debbys Stimme zittert vor Aufregung. Juan gibt ihr den entscheidenden Tipp und die Hobby-Ornithologin flippt fast aus vor Freude. Strahlend schreibt sie den Namen des Vogels in ihr Buch. 830 Vögel, die sie irgendwo auf der Welt schon gesehen hat, stehen drin. Hier in Peru will sie die 1000 vollmachen. Die Chancen stehen gar nicht mal so schlecht, schließlich gibt es hier über 1800 Vogelarten – mehr als in Europa und Nordamerika zusammen. Etwa 120 davon gibt es sogar in keinem anderen Land. Und noch immer werden neue Vogelarten entdeckt.
Flussfahrt Amazonas: Faultiere und Delfine
Langsam wird es heller und unsere Expedition geht weiter. Bis zum Frühstück sehen wir noch zwei Faultiere, mehrere rosa Flussdelfine, jede Menge Affen, tropische Vögel und einen jungen Kaiman, der sogar in unser Boot wandert. Ein kleiner Indianerjunge hatte ihn in die Höhe gereckt, als wir an seinem Dorf vorbeifuhren. Natürlich halten wir sofort an und nehmen die Gelegenheit wahr, das Reptil zu fotografieren. Stolz wie Oskar zieht der Knirps anschließend mit seinem Haustier wieder ab. Wenn es ausgewachsen ist, wird es drei Meter lang sein.


„What a morning!“, sagt Juan und blickt zufrieden auf die acht Urlauber, die vor ihm im Boot sitzen und nun zum Frühstück auf die „La Perla“ zurückkehren. Das Flussschiff, das maximal 32 Passagiere aufnimmt, ist eines von drei Schiffen des peruanischen Unternehmens Jungle Experiences und fährt von Iquitos aus zu drei- oder sechs-Nächte- Kreuzfahrten auf den Amazonas und seine Nebenflüsse.
Unterwegs mit der „La Perla“
Die Tage auf der „La Perla“ folgen dem Rhythmus der Natur. Fast jeden Morgen stehen wir vor Sonnenaufgang auf und machen eine mehrstündige Tour in den Regenwald. Zum Frühstück kehren wir zurück, relaxen auf der Kabine oder in einer der Hängematten auf dem Oberdeck, essen gemeinsam zu Mittag und halten danach eine kleine Siesta – schließlich sind wir ja früh aufgestanden. Am späten Nachmittag folgt die nächste Tour und manchmal gibt es nach dem Abendessen sogar noch einen Nachtausflug in den Dschungel. Dann flattern große Fledermäuse um das Boot, Glühwürmchen funkeln in der Schwärze der Nacht und Kaimane gleiten durch den grünen Teppich aus Wasserpflanzen, der sich vor unserem kleinen Boot teilt und danach wie von Zauberhand wieder schließt.

Schon nach ein paar Stunden auf dem Flussschiff merkt jeder, wie der Alltagsstress im Kielwasser der „La Perla“ zurückbleibt. Wir sind abgeschnitten von der Welt – kein Telefon, kein Internet, kein Fernsehen. Dafür lassen wir uns nun mit allen Sinnen auf das Abenteuer Amazonas ein und genießen jede Minute. Längst fühlen wir uns nicht mehr wie Touristen, sondern wie Entdecker. Stolz zeigen wir uns gegenseitig unsere Foto-Ausbeute von Totenkopf-Äffchen, Schlangen und Faultieren. Juan spart nicht mit Lob. „Schick das an National Geographic“, klopft er reihum so manchem aus seiner Gruppe auf die Schulter. Tatsächlich muss man hier überhaupt kein Meisterfotograf sein, um tolle Bilder zu machen – der Regenwald bietet so wunderschöne Motive, dass jedem die unglaublichsten Aufnahmen gelingen.

Der mächtigste Fluss der Welt hält Abenteuer bereit, die sich wohl nur hier erleben lassen – und von denen man noch seinen Enkeln erzählen kann. So angeln wir Piranhas und staunen über ihre messerscharfen Zähne, bevor wir sie wieder ins Wasser werfen. Wir lassen uns von einem Fischer eine zwei Meter lange Anakonda zeigen, die sich just in seinem Netz verheddert hat. Und wir bitten ihn inständig, sie doch erst in einer Stunde wieder ins Wasser zu lassen – nachdem wir unsere kleine Mutprobe absolviert und im Fluss gebadet haben – umringt von rosa Delfinen.
Anakondas und Taranteln
An einem Nachmittag wandern wir durch den Regenwald. Von oben bis unten eingesprüht mit Mückenschutz ziehen wir die kniehohen Gummistiefel von der „La Perla“ an und folgen Juan und einem lokalen Guide zu Fuß durch den Dschungel. Unterwegs begegnen wir erneut einer Anakonda, betrachten mit einem gewissen Grusel eine große Tarantel und staunen über ein Zwergseidenäffchen, die kleinste Affenart der Welt. Wie Indiana Jones hangeln wir uns über eine schaukelnde Hängebrücke zwischen den Wipfeln der tausendjährigen Urwaldbäume. „30.000 US-Dollar bringt so ein hundertjähriger Mahagoni-Baum auf dem Markt“, erklärt uns Juan, der absolut kein Verständnis für korrupte Politiker in seinem Land hat, die den Regenwald für den eigenen Profit ausbeuten. Die Gäste von Jungle Experiences hingegen sorgen für Nachwuchs und pflanzen alle einen eigenen kleinen Baum im größten Regenwald der Welt.


Wir besuchen eines der kleinen Dörfer am Flussufer. Hier leben die Menschen noch wie vor Jahrhunderten: in Bambushütten, als eingeschworene Gemeinschaft, die von den Früchten des Waldes, von Kartoffeln, Reis, Gemüse, Fischen und Hühnern lebt und niemals hungern muss. Das nächste Krankenhaus ist meist ein paar Stunden mit dem Motorboot entfernt. Doch das stört die peruanischen Ureinwohner nicht, denn seit ewigen Zeiten vertrauen sie den Künsten von Schamanen. Und eine solche dürfen auch wir kennenlernen.

Schamanen-Zeremonie
Barfuß, bekleidet mit einem langen schwarzen Rock und einer bestickten, weißen Bluse mustert die Schamanin Carola die Besucher in ihrer Zeremonienhütte. Ihre glänzenden, tiefschwarzen Haare fallen offen bis zu ihren Hüften. Erst als alle auf den Holzbänken Platz genommen haben, beginnt sie zu erzählen … von ihrer achtjährigen Ausbildung, in der sie sich nur von Bananen und Fisch ernähren durfte, um den Körper rein zu halten. „So konnte ich die Magie der Pflanzen erfahren“, sagt die Peruanerin. In neun umliegenden Dörfern mit jeweils 200 Einwohnern heilt sie die Menschen von Krankheiten, befreit sie von bösen Dämonen und Süchten und versorgt ihre Wunden.

„Der Regenwald ist die größte Apotheke der Welt, hier finde ich die Mittel für alle Krankheiten“, erklärt die Schamanin. Und sie zeigt uns ihren Wundersaft: Eine Mischung aus Engelstrompete, Tabak, Chacruna und vor allem aus Ayahuasca, jener Pflanze, die für ihre bewusstseinserweiternden Eigenschaften berühmt ist. Schon ein kleiner Schluck ihres Gebräus reiche aus, um Visionen heraufzubeschwören. Die Bilder, die dann in ihrem Kopf entstehen, helfen ihr, herauszufinden, welche Krankheit einen Menschen plagt und welche Arznei die richtige für ihn ist.
„Die großen Bäume sind meine Leuchttürme“
Mit den Ritualen der Schamanen, den wilden Tieren und den Legenden des Regenwalds ist auch unser Kapitän German Ramirez aufgewachsen. Er ist nicht nur ein guter Navigator auf der Brücke, sondern auch ein begnadeter Tänzer. Wenn es seine Zeit erlaubt, gesellt er sich abends zur kleinen Schiffsband, schwingt die Rassel zur Musik und legt mit den anwesenden Damen eine flotte Sohle aufs Parkett. 30 Jahre lang fuhr German als Kapitän bei der peruanischen Navi, dann zog es ihn zurück auf den Amazonas. Jenen Fluss, an dem er seine Kindheit verbracht hat und über den sein Vater, der als Händler ständig mit dem Boot unterwegs war, ihm schon als Junge alles beigebracht hatte. Heute fährt German zwar mit einem modernen GPS, doch eigentlich braucht er es nicht. Er weiß aus Erfahrung, wo die Sandbänke liegen und würde den Weg auch ohne Instrumente finden. „Die großen Bäume sind meine Leuchttürme“, sagt er.

Nach einer Woche endet unsere Kreuzfahrt in Nauta. Nach einem Abstecher zum Rettungscenter für Manatis (Seekühe) geht es zurück nach Iquitos, wo unsere Flussfahrt begonnen hat. Debby hat 30 neue Vogelarten in ihrem Büchlein notiert. Ob sie enttäuscht ist, die 1000 nicht vollgemacht zu haben? – Die Kanadierin lacht. „Nein, überhaupt nicht. Schließlich sind wir noch eine Woche in Peru und da können mir noch einige neue Arten begegnen. Vielleicht sogar der legendäre Kondor?“ Möglich wäre es, denn Debby reist von Iquitos über Lima noch nach Cusco, um von dort aus eine der größten Attraktionen Perus anzuschauen: Machu Picchu. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte ….
Text & Fotos: Susanne Müller
Infos zur La Perla:
Indienststellung: 2003
Größe: 42 m lang, 9 m breit, 3 Passagierdecks, max. 32 Passagiere, 15 Crew
Kabinen: 14 Kabinen (alle außen), 14-20 m²
Bordwährung: US-Dollar
Bordsprache: Englisch, teilweise auch Deutsch
Fahrtgebiete: Amazonas
Info: www.junglexperiences.com
Buchtipp: Das Perumädchen
Das Perumädchen, ein Roman von Susan de Winter, nimmt seine Leser mit auf eine ebenso aufregende wie romantische Reise auf dem Amazonas. Und darum geht es in diesem Buch.
Jung, erfolgreich und bildschön: Das ist Louisa, die gerade den glänzenden Abschluss ihres Informatikstudiums feiert. Doch der Schein trügt – in Wahrheit ist die aus Peru adoptierte junge Frau einsam und auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit. Während einer Schiffsreise auf dem Amazonas durch den Regenwald von Peru lernt sie das Liebespaar Mayumi und Juan kennen. Erst durch sie und mit Hilfe des attraktiven Anwalts Ramon kommt sie ihrer eigenen Geschichte auf die Spur.
Leser-Meinung: „Der Titel, das Cover, der Klappentext – all dies hatte mich neugierig gemacht auf ‚Das Perumädchen‘. Ich hätte jedoch nie gedacht, dass mich dieses Buch emotional dermaßen fesseln würde. Schon die Kulisse des Romans – die Fahrt mit dem Flussschiff auf dem Amazonas, der Dschungel von Peru, Iquitos, die Stadt der Kautschukbarone – entführt einen in eine fremde, exotische Welt. Es war vor allem jedoch die Geschichte von Louisa, die mich berührt hat. Und natürlich ebenso das Schicksal von Mayumi, das auf rätselhafte Weise mit dem von Luisa verknüpft ist. Nunja, ich will nicht spoilern…. Ich kann nur sagen, dass man sich auf eine spannende Geschichte mit Liebe, Magie und so einigen Familiengeheimnissen freuen darf. Und dabei für einige Zeit alles um sich herum vergisst….“
Das Perumädchen: Taschenbuch: 12,90 Euro, E-Book (kindle unlimited): 3,99 Euro. Hier geht’s direkt zum Buch.
