September 5, 2026

Der Clan – Die Straße

harter, bemerkenswert recherchierter Schweden-Thriller. Pascal Engman verbindet klassische Spannung mit einem gesellschaftlichen Thema, das in Schweden längst Realität ist

September 5, 2026

Schweden ist längst nicht mehr das beschauliche Sehnsuchtsland: Bandenkriminalität, Drogengeschäfte, Schießereien und Bombenanschläge gehören inzwischen zu den drängendsten gesellschaftlichen Problemen des Landes. Genau hier setzt Pascal Engman mit „Der Clan – Die Straße“ an, dem ersten Band einer Trilogie. Mit 576 Seiten ist das Buch kein kurzer Thriller für zwischendurch, sondern ein breit angelegtes Gesellschaftspanorama, das seine Spannung aus der Frage gewinnt, wie Menschen in ein kriminelles System geraten und warum es so schwer ist, diesem wieder zu entkommen.

Im Zentrum stehen zwei Menschen, die am selben Tag geboren werden und dennoch in völlig unterschiedlichen Welten aufwachsen. Josef ist der Sohn einer alleinerziehenden Mutter mit ausländischen Wurzeln und finanziellen Problemen. Antonia wächst dagegen in einer wohlhabenden, behüteten Familie auf. Beide leben in derselben Gemeinde, aber auf verschiedenen Seiten der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Dazu kommt der Polizist Hjalmar, der beobachten muss, wie sich die Gewalt der Familie Mansour immer stärker in den Alltag hineinfrisst. Der Clan kontrolliert Straßen, Geschäfte und Menschen. Aus diesen unterschiedlichen Perspektiven entwickelt Engman ein dichtes Netz von Beziehungen.

Gerade diese Konstruktion ist eine der größten Stärken des Romans. Engman erzählt nicht einfach die Geschichte der Guten gegen die Bösen. Stattdessen interessiert ihn, wie ein kriminelles Milieu entsteht und warum Menschen darin bleiben. Josef ist keine eindimensionale Figur, sondern ein junger Mann, dessen Möglichkeiten von seiner sozialen Herkunft, seinen Verpflichtungen und den Erwartungen seiner Umgebung geprägt werden. Auch die Figuren innerhalb der Mansour-Familie bekommen Motive und Konflikte. Besonders interessant ist Zara Mansour, die Tochter des Clanführers, die sich nach einem anderen Leben sehnt und damit innerhalb ihrer eigenen Familie an Grenzen stößt. Hjalmar wiederum verkörpert die staatliche Perspektive und die zunehmende Hilflosigkeit einer Polizei, die mit einer Realität konfrontiert ist, deren Regeln sie nicht bestimmt.

Das Thema hat für Engman eine persönliche und journalistische Dimension. Der 1986 geborene Autor arbeitete vor seiner Schriftstellerkarriere als Journalist, unter anderem bei der schwedischen Boulevardzeitung Expressen. Sein journalistischer Blick ist in „Der Clan“ deutlich spürbar: Er möchte nicht nur Spannung erzeugen, sondern eine gesellschaftliche Entwicklung nachvollziehbar machen. Für die neue Trilogie recherchierte er über Jahre und sprach nach eigenen Angaben mit Kriminellen, Polizisten, Behördenmitarbeitern sowie jungen Menschen, die von Bandenkriminalität betroffen waren oder selbst Teil solcher Netzwerke wurden.

Engmans Schreibstil ist direkt und setzt auf kurze, wirkungsvolle Szenen, Perspektivwechsel und ein hohes Tempo. Die große Zahl von Figuren erzeugt ein Gefühl dafür, dass Bandenkriminalität nicht aus einem einzelnen Täter besteht, sondern ein ganzes Umfeld betrifft. Drogen, Geld, Gewalt und familiäre Loyalität greifen ineinander. Besonders wirkungsvoll ist, dass die Figuren nicht einfach aus einem gefährlichen Milieu herausspazieren können. Wer einmal Teil des Systems geworden ist, bleibt von dessen Regeln abhängig. Selbst der Versuch, ein normales Leben zu führen, kann neue Gefahren erzeugen. Dadurch bekommt der Thriller eine beklemmende Konsequenz. Engman will seine Leser nicht nur unterhalten, sondern ihnen zeigen, wie sich eine Gesellschaft verändern kann. Das ist inhaltlich überzeugend, nimmt dem Roman aber manchmal etwas von der erzählerischen Leichtigkeit. Gerade weil die Realität hinter der Fiktion so deutlich erkennbar bleibt, ist „Der Clan“ zudem kein gemütlicher Krimi. Gewalt ist nicht bloß Kulisse, sondern Ausdruck eines sozialen Systems.

„Der Clan – Die Straße“ ist ein harter, bemerkenswert recherchierter Schweden-Thriller. Pascal Engman verbindet klassische Spannung mit einem gesellschaftlichen Thema, das in Schweden längst Realität ist. Der erste Teil der Trilogie ist ein sehr gelungener Auftakt, der zweite Band ist in Schweden bereits erschienen und schildert, wie sich der Konflikt zwischen kriminellen Netzwerken verschärft. Auf Deutsch soll der zweite Band bei Piper unter dem Titel „Der Clan – Die Regeln“ im Januar 2027 erscheinen.

Der Clan – Die Straße

Pascal Engman

Piper Verlag

Taschenbuch, 576 Seiten, 18 Euro

ISBN: 978-3492067942

Weitere Informationen unter https://www.piper.de/buecher/der-clan-die-strasse-isbn-978-3-492-06794-2

 

 

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