Die Costa de la Luz, der sonnengeküsste Südwesten Spaniens, bietet ein Komplettbuffet für Schiffsreisende an Europas westlicher Atlantikküste. Neben den bekannten Städten Granada, Sevilla und Córdoba im Inland lohnen sich vor allem die küstennahen Orte am Atlantik für einen kurzen Besuch. Ob tiefkatholische Städte wie Jerez oder Cádiz mit ihrer beeindruckenden Kultur und Architektur oder sonnenverwöhnte Küstenorte wie Conil de la Frontera oder Los Caños de Meca, die entspannte Strandtage garantieren: Ein Ausflug lohnt sich in jedem Fall.
Jerez de la Frontera
Die Stadt liegt etwa eine halbe Autostunde von Cádiz entfernt im Inland und bietet sich für einen entspannten Bummeltag zu Fuß an, bei dem die schöne Altstadt und ihre Bauwerke sicherlich die Highlights sind. Wer eine der legendären Bodegas oder eine andalusische Pferdekür besuchen möchte, bucht am besten ein paar Tage im Voraus (https://www.realescuela.org).

„Die andalusischen Pferde kennen keine Eile. Ihr Schritt ist stets fest und stark“, so wiederholt es die Stimme aus den Lautsprechern der Arena, wie um den Besuchern die tiefe Bedeutung dieses Mantras zu vermitteln. Wenn die Reiter in der penibel präparierten Arena ihre Pferde im Gleichschritt einstudierte Performances laufen lassen, kommt der ganze Stolz der spanischen Kultur zum Vorschein. Auf den VIP-Plätzen sitzen ein paar Marinegeneräle und Geschäftsleute, die sich in ihren Uniformen aufmerksam Notizen machen.
In der Innenstadt von Jerez de la Frontera lebt derweil noch die Siesta. Niemand schreibt es den Menschen vor, doch hier ist nachmittags alles zu. Moderne Supermarkt- und Restaurantketten haben noch nicht das Leben revolutioniert. Früh morgens wird gearbeitet, wenn es noch etwas kühler ist. Zum Mittag wird sich dann mit kaltem Bier erfrischt oder ein Kaffee für circa 1,70 Euro zur Aufmunterung bestellt. Die Architektur der tiefkatholischen Stadt liegt geografisch wie ästhetisch irgendwo zwischen Casablanca und Madrid. Die Farben Weiß und Beige bestimmen das Stadtbild, wozu auch die Kleidung der Einwohner beiträgt. Helle Anzüge und Sommerkleider sind weit verbreitet. Sich stilvoll anzuziehen, ist nicht auf den Abend beschränkt, sondern gehört zur Tagesordnung.

Auf den Spuren von Lola Flores
Hier, im Herzen Andalusiens, ist Lola Flores geboren. Die ikonische Flamenco-Künstlerin hat unvergessliche Spuren hinterlassen. Besucher können im Museo Lola Flores, das allein für sie errichtet wurde, ihren Lebensweg nachvollziehen. Die Abende verbringen Urlauber am bestesn mit Tapas in den lokalen Tabancos, in Flamenco-Lokalen oder in einer Bodega. In den speziellen Reifungskellereien mit ihren mächtigen, bis zu zehn Meter hohen Mauern wird der legendäre Sherry produziert und ausgeschenkt. Der hat hier seinen Ursprung und sein Geruch hängt über der Stadt wie ein unverwechselbares Parfüm. Nach der Siesta, gegen 17 Uhr, öffnen langsam die Geschäfte wieder und es lassen sich die kulinarischen Köstlichkeiten der Stadt genießen. Dazu gehören beispielsweise die caracoles, die zwar nicht jedermanns Sache sind, aber oft als nette Geste nach dem Essen aufs Haus serviert werden. Serviert bekommt man ein Glas voll Schnecken, die gewürzt und in einer Brühe gekocht werden. Nach einiger Überwindung ist das Urteil über den sonderbaren Nachtisch jedoch meistens sehr gut.

Los Caños de Meca
Von Cádiz eine Autostunde an der Küste entfernt liegt das kleine Dorf, das vor und nach der Siesta einige lokale Restaurants und Strandbars zur Verpflegung bietet. Zwischendrin wird die Versorgung etwas schwierig. Wer früh aufsteht und ein Frühstück in der Sonne genießen möchte, wird in der Cafeteria „The Singular Coffee“ fündig (https://www.thesingularcoffee.com).
Es erwartet einen eine verschlafene, sonnenverwöhnte Ansammlung weißer Häuser und Bungalows direkt am Strand. Ein Traum der Ruhe, in dem man tagelang den Wellen zuhören und dem Meer beim Steigen und Senken zusehen kann. Hier wohnen Menschen, die entweder Hippie-Aussteiger und Lebenskünstler sind oder viel Geld und deshalb ein Strandhaus haben. Die Menschen versammeln sich zum Mittag bei kühlem Bier, am Nachmittag zum Sonnen am Strand und abends zum Sonnenuntergang an den Klippen des Leuchtturms.

Conil de la Frontera
Die kleine Stadt Conil de la Frontera liegt in der Mitte zwischen Los Caños de Meca und Cádiz und ist von dort mit dem Auto in rund 40 Minuten zu erreichen. Hier kann man durch eine lebhafte Innenstadt mit kleinen Restaurants bummeln und einen entspannten Spaziergang an der Strandpromenade machen.
In Conil de la Frontera müssen alle Häuser weiß gestrichen sein. Dazu gehören blaue Farbakzente in Form von Blumenvasen, Straßenschildern und Laternen. Höher auf dem Hügel, wo das Treiben weniger wird, finden sich das Barrio de las Flores und das Barrio de los Pescadores, deren Namen ihr Leben und ihr Aussehen definieren. Ältere Damen pflegen geschäftig die hunderten Pflanzen und Blumenkübel in den Straßen. Eine steht umringt von ihrem ganzen Stolz in einer Gasse und hält eine halbe Stunde einen Wasserschlauch in ihren eigenen kleinen Urwald.

Über allem liegt eine verschlafene Ruhe. In diesen Frieden platzt plötzlich der Lärm eines Motorrads, das sich die leeren Gassen heraufschlängelt. Darauf sitzt ein gut gekleideter Mann in seinen Vierzigern mit beiger Anzughose, meerblauem Hemd, Sonnenbrille und einem gewebten Sonnenhut, der wahrscheinlich zur Siesta nach Hause fährt.
Tapas mit Meeresfrüchten
Im Barrio de los Pescadores werden Tapas mit Meeresfrüchten angeboten, vor allem die lokale Spezialität Thunfisch wird hier zelebriert. Celia Almenara Moral, die hier aufwuchs, erzählt von der speziellen Technik, der almadraba, die die Fischer der Region Cádiz schon seit Jahrtausenden betreiben. Sie legen dort, wo die großen Fische aus dem Mittelmeer in den kälteren Atlantik ziehen, riesige Labyrinthe aus Netzen an, in die die Fische auf ihrem Weg einfach hineinschwimmen. Dort verirren sie sich und finden nicht mehr heraus. Die Fischer holen die großen Fische dann mit erfahrenen Tauchern und speziellen Methoden aus dem Wasser. Diese Methoden fügen den Fischen möglichst wenig Stress zu, damit das Fett im Fleisch perfekt marmoriert bleibt. Das Ergebnis sind die weltweit einzigartigen Thunfischtapas der almadraba von Cádiz, die mit ihrer roten Färbung nur hier in den vielen Tabancos zu finden sind.

Cádiz: Kirchen und Cafés
Auch wenn die verschiedenen Städte rund um Cádiz ihre eigenen Reize haben, lässt sich hier problemlos ein traumhafter Urlaubstag verbringen. In der großen Altstadt können sich Besucher tagelang in verschiedenen Kirchen, Tapas-Bars und Cafés verlieren. Die beeindruckende Uferpromenade auf der Atlantikseite bietet dabei etwas Ruhe von dem Trubel der Innenstadt.
Die „weiße Stadt am Atlantik“ gilt als die älteste besiedelte Stadt Westeuropas. Die Phönizier erkannten schon vor rund 3000 Jahren ihre strategische Bedeutung am Meer. Als äußerster sicherer Hafen Spaniens erlebte Cádiz im 18. Jahrhundert seine Blütezeit als wichtiges Tor zu den Kolonien des spanischen Imperiums. Die sonst arabisch geprägte Architektur Andalusiens ist hier noch stärker katholisch. Wie tief der Glaube auch heute noch verwurzelt ist, merkt, wer zu einem katholischen Feiertag wie dem Fest der Heiligen Dreifaltigkeit die sonnengeküsste Hafenstadt im Süden Spaniens besucht.

Bei fast militärisch-festlich organisierten Umzügen ziehen die Menschen in ihren traditionell weißen Gewändern durch die engen Straßen der Stadt und tragen tonnenschwere Bahren, während sie in der stechenden Mittagssonne eng aneinandergedrängt ohne jede Eile durch die Stadt laufen. Die Bahren sind prachtvoll geschmückt und mit mehr Ornamenten verziert, als das menschliche Auge im Vorbeigehen identifizieren kann. Farbenfrohe Rosensträucher und silberne Figuren der Jungfrau Maria sind darauf befestigt und reflektieren das Licht in alle Richtungen. Die Priester, die im gemächlichen Schritt der Träger mitlaufen, rammen ihre Zeremonienstäbe rhythmisch zu Kapellenmusik auf den harten Steinboden.
Flamenco-Lieder unter hohen Zypressen
Ein paar Gassen weiter finden sich schattige Plätzchen unter riesigen Zypressenbäumen, die der Erzählung nach tausende Jahre alt sind und einen Schatten werfen, der der Legende tatsächlich gerecht wird. Darunter sitzt ein älterer, hagerer Mann mit Gitarre, Mikrofon und Lautsprecher. Vollkommen in die Musik versunken und den Blick auf den Boden gerichtet, singt er Flamenco-Lieder am Fließband, so, als ob er sein ganzes Leben nichts anderes getan hätte. Daneben fehlt noch die Tänzerin im roten Kleid, Blume im Haar und hohen Schuhen, um das klassische Bild des Flamencos zu vollenden. In der aus Andalusien stammenden Musik mit arabischen Einflüssen finden oft tragische Themen wie Tod, Schmerz und Trauer ihren Ausdruck, wobei auch die leidenschaftliche Liebe eines der großen Themen der Flamenco-Lyriker ist. Die Kunst entspringt der Kultur der gitanos, einer Bezeichnung für eine Gruppe aus der Roma-Kultur, die sich in Südspanien vor rund 500 Jahren niederließ.

Empfehlenswert: Die Bar Casa Torres
In einer der vielen Tabancos mitten in der Innenstadt von Cádiz finden Besucher zur Mittagshitze Unterschlupf bei einem kühlen Bier und ein paar Tapas, unter anderem auch hier den Thunfisch der almadraba und viele andere Köstlichkeiten. Wie nach viel zu viel Kaffee flitzt hinter der Theke Carmen hin und her und betreibt ihren großen Laden komplett allein. Zeternd und schreiend kommandiert sie die Stammgäste an der Theke herum, dass sie ihr helfen, das nächste Bierfass herzutragen und anzuzapfen. Diese folgen gehorsam jedem ihrer Befehle, während ein Witz dem nächsten folgt und die ganze Aktion in heiterem Gelächter bewältigt wird. Während sie mit einigen Touristen und deren ersten Brocken Spanisch die Bestellungen organisiert, zapft sie gleichzeitig vier Bier für die Stammgäste und brabbelt im andalusischen Akzent in einer Geschwindigkeit vor sich hin, der niemand folgen kann, der nicht aus Andalusien kommt. Obwohl alles chaotisch wirkt, hat sie den Laden fest im Griff und versorgt alle ihre Gäste in einer atemberaubenden Geschwindigkeit und einem Augenzwinkern mit allem, was das Herz begehrt. Wer die Bar selbst besuchen möchte, findet sie unter dem Namen Bar Casa Torres an der Ecke Calle Belén und Calle de la Rosa im Herzen der Altstadt von Cádiz.
Text & Fotos: Tim Lemcke
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