Margaret Atwood ist zweifelsohne eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen der Gegenwart, die immer wieder als eine der Favoritinnen für den nächsten Literatur-Nobelpreis gilt. Mit „Book of Lives“ hat die Kanadierin jetzt so etwas wie ihre Memoiren vorgelegt, ein wilder Parforce-Ritt durch ein schillerndes und amüsantes Leben. Atwood ist nicht nur für ihre literarischen Werke wie der „Report der Magd“ (geschrieben im Berlin der 1980er Jahre) berühmt, sondern auch für ihre scharfsinnige Beobachtungsgabe und ihren humorvollen, oft ironischen Erzählstil.
Ihre Werke haben Atwood internationale Anerkennung eingebracht und sie zu einer der bedeutendsten Stimmen der zeitgenössischen Literatur gemacht. Die Bücher wurden in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und erhielten zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Franz-Kafka-Preis, zwei Mal den Booker Prize und den Giller Prize. Margaret Atwood wurde 1939 in Ottawa, Kanada, geboren und wuchs in Ontario und Quebec auf. Sie begann schon früh, Gedichte zu schreiben, und veröffentlichte ihr erstes Gedichtbuch im Alter von 23 Jahren. Sie hat im Laufe ihrer Karriere sowohl Gedichte als auch Romane, Essays und Kurzgeschichten veröffentlicht. Atwood ist bekannt für ihre scharfsinnige Analyse gesellschaftlicher Probleme, besonders in Bezug auf Gender, Macht und Umwelt.
In ihrer Autobiografie führt Atwood die Leser auf eine Reise durch ihr eigenes Leben, ihre Erfahrungen und ihren Werdegang als Schriftstellerin. Das Werk geht jedoch weit über die traditionellen Memoiren hinaus und verbindet persönliche Erinnerungen mit tiefgründigen Reflexionen über das Schreiben, das Leben und die Gesellschaft.
Die ersten hundert Seiten des Buches, die Atwoods Kindheit im „wilden Kanada“ thematisieren, sind besonders gelungen. Sie beschreibt, wie ihre Kindheitserinnerungen an ihre Heimat Kanada und ihre Familie gleichzeitig Quelle der Inspiration und der Nostalgie sind. Sie erinnert sich an Geschichten, die sie von ihren Eltern gehört hat, und wie diese ihre eigene Erzählweise beeinflussten. Dabei stellt sie fest, dass das Erinnern immer ein kreativer Akt ist, bei dem die Fakten oft zugunsten der Bedeutung verändert werden.
Das Buch ist nicht nur intellektuell anregend, sondern auch eine spannende, unterhaltsamen und gleichzeitig erhellende Lektüre, die den Leser fesselt. „Book of Lives“ ist mehr als nur eine Chronologie, es ist ein intimes Porträt einer Frau, die sich auf persönliche, manchmal sogar verletzliche Weise mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt. Atwood reflektiert nicht nur ihre eigenen Erfahrungen, sondern auch die politischen und sozialen Herausforderungen ihrer Zeit. Dabei gelingt es ihr, eine Balance zwischen privatem Einblick und allgemeiner Reflexion zu wahren.
Besonders interessant sind auch ihre Gedanken zur femininen Perspektive in der Literatur. In mehreren Passagen des Buches setzt sich Atwood mit der Frage auseinander, warum Frauenhistorie und weibliche Literaturtraditionen oft marginalisiert oder vergessen werden. Sie betrachtet die Werke großer Schriftstellerinnen und stellt fest, dass die Geschichte der Literatur in vielerlei Hinsicht eine Geschichte des Vergessens ist. Des Vergessens von Frauen, die nicht die gleichen Zugänge zur Literatur und zum öffentlichen Leben hatten wie ihre männlichen Kollegen.
Atwoods Schreibstil ist ein ganz eigener: Sie hat die Fähigkeit, komplexe Ideen und Konzepte mit Klarheit und Präzision auszudrücken, ohne ihre Gedankentiefe zu verlieren. Ihre Sprache ist oft poetisch, aber nie unnötig kompliziert. Ihre Essays sind durchzogen von einer scharfsinnigen Ironie, die es dem Leser ermöglicht, schwierige Themen mit einer gewissen Leichtigkeit zu erfassen, während sie gleichzeitig die Schwere der behandelten Themen bewahren. Ihre Erzählweise ist dabei nie monoton oder überladen. Sie versteht es, ihre persönlichen Erfahrungen zu verbinden mit größeren gesellschaftlichen und kulturellen Fragestellungen, was den Text zugänglich macht.
„Book of Lives“ bietet einen einzigartigen Einblick in das Leben und die Gedankenwelt einer der bedeutendsten Schriftstellerinnen unserer Zeit. Atwoods Reflexionen sind sowohl eine Reise durch ihr persönliches Leben als auch eine tiefgründige Analyse der Rolle der Literatur im 21. Jahrhundert. Ihre Fähigkeit, komplexe Ideen mit Klarheit und Humor zu verbinden, macht dieses Werk zu einer fesselnden Lektüre für alle, die sich für die Kunst des Schreibens, für die Geschichte der Literatur und für die sozialen Herausforderungen der modernen Welt interessieren. Atwood bleibt eine der einfühlsamsten Stimmen unserer Zeit, die Memoiren sind mehr als eine bloße Lebensgeschichte. Sie bieten einen tiefen Einblick in die Entwicklung einer der einflussreichsten Autorinnen der Gegenwart. Atwood zeigt, wie ihre Kindheit, ihre Bildung und ihre ersten literarischen Erfahrungen sie zu der Schriftstellerin gemacht haben, die sie heute ist. „Book of Lives“ ist eine außergewöhnliche Autobiografie, die durch ihren Humor, ihre Schärfe, ihre sprachliche Eleganz und ihre Präzision besticht. Diese Mischung macht „Book of Lives“ zu einer der bemerkenswertesten Autobiografien der letzten Jahre.
Book of Lives
Margaret Atwood
Berlin Verlag
Hardcover, mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 768 Seiten, 36 Euro
ISBN: 978-3827015389
https://www.piper.de/buecher/book-of-lives-isbn-978-3-8270-1538-9