Entdeckungsreisende, Kartografen und Abenteurer, die das Inlandeis überquerten oder den Nordpol erobern wollten, kamen alle über das Meer nach Grönland. Auf ihren Spuren reisen auch die Passagiere des Expeditionsschiffes SH Vega in die Arktis.
Ein Sonntag im September, sechs Uhr früh: Der Handywecker piept heute an einem außergewöhnlichen Ort. In der Kabine knistert ein digitales Kaminfeuer am Fußende des Bettes und durch das Balkonfenster leuchtet etwas schemenhaft Weißes. Sind das Eisberge? – Ja!!!

Die „SH Vega“ hat die Küste von Grönland erreicht. Also nichts wie raus aufs Außendeck. Der Wind pfeift. Ein Schwall kalter Luft trifft aufs Gesicht und vertreibt die letzte Müdigkeit. Eisschollen schwimmen dem Schiff entgegen und dann liegt Grönland vor uns. Die größte Insel der Welt. 80 Prozent sind von Inlandeis bedeckt. Von Norden bis Süden erstreckt sich das Eis über 2.600 Kilometer – so weit wie von Norddeutschland bis in das nördliche Afrika. Hier schneit es von Oktober bis Mai und an manchen Tagen fällt die Temperatur auf minus 40 Grad. Aber so weit ist es heute noch nicht. Mit dem Parka, den das Kreuzfahrtunternehmen Swan Hellenic jedem Gast schenkt, ist man warm genug angezogen. Obwohl es so früh ist, kommen mehr und mehr Passagiere an die Reling. Ausgerüstet mit Ferngläsern und Kameras begrüßen sie den ersten Morgen in der Arktis. Und werden prompt belohnt. 200 Meter neben dem Schiff taucht ein Finnwal auf. Wenig später die Fluke eines Buckelwals.


Das Knistern der Eiskugeln
Die eisbedeckten Berge des Skoldungen Fjords sind schemenhaft im diffusen Dämmerlicht zu erkennen. Wir gehen frühstücken. Und danach ganz schnell wieder hinaus, denn jede Minute gibt es etwas Neues zu sehen. Kein Zweifel: Die Passagiere sind jetzt im Expeditionsfieber. Gestern noch hatten einige die Rezeption aufgesucht, um sich Tabletten gegen Seekrankheit zu holen. Die Überfahrt vom Einstiegshafen Reykjavik auf Island über den Nordatlantik war etwas stürmisch verlaufen. Kapitän Lyubomir Garclyanov hatte die Stabis ausgefahren – die besten Freunde der Passagiere. An der Ostküste Grönlands hat sich die See jedoch beruhigt und gegen Mittag erreicht die „SH Vega“ den Thrym Gletscher. Die Gäste steigen in Zodiacs um und tuckern damit über das türkisgrüne Wasser. Mit einem leisen Knistern bersten die kleinen Eiskugeln im Meer. Wie winzige Explosionen. Ab und zu rauscht eine etwas größere Eisplatte von der Gletscherkante senkrecht in den Fjord. Dann knallt es wie bei einem Gewehrschuss. Einige Kreuzfahrer schlecken mal kurz am Gletschereis. Niemand kann sich sattsehen an der Schönheit der Arktis im glitzernden Licht der Sonne.

Polarlichter tanzen über den Himmel
Die folgende Nacht hält eine Überraschung parat. Gegen Mitternacht tanzen Polarlichter über den Himmel. Wer schon im Bett ist, springt wieder hinaus, hüllt sich in seinen warmen Parka und trotzt der eisigen Kälte auf dem Star Gazing-Deck 8. Wann hat man schon einmal die Gelegenheit, die Northern Lights und dazu unzählige Sterne in einer Gegend zu sehen, die unbewohnt und daher von künstlichen Lichtquellen verschont ist?

Über die Polarlichter und den Sternenhimmel der Arktis hatte am Nachmittag Henri Leinfelder bereits interessante Geschichten erzählt. Der gebürtige Bremer arbeitete in den Planetarien seiner Heimatstadt und in Köln. Eines Tages kam eine Anfrage von Plantours Kreuzfahrten, die dringend und kurzfristig einen Lektor für Astronomie benötigten. Henri war ihr Mann und machte seinen Job so gut, dass er gleich für weitere Kreuzfahrten angeheuert wurde. Unterwegs lernte er andere Lektoren kennen, erweiterte sein Netzwerk und landete schließlich bei Swan Hellenic. Henri scheint mehr als zufrieden mit seiner neuen Bestimmung. „Was gibt es Schöneres, als über sein Lieblingsthema zu sprechen und dabei noch die Welt zu entdecken?“
Zum Wale-Gucken an die Reling
An jedem Tag führt morgens der erste Gang aufs Außendeck, denn dort gibt es immer etwas zu sehen. Diesmal sind es Minkwale. Blauer Himmel und Sonnenschein begleiten die „SH Vega“ bei der Fahrt durch den Prins Christian Sund. Das tolle Wetter verleitet einige Gäste sogar dazu, ein Bad im Pool am Heck zu nehmen. Mittags gibt’s Thunfischsteaks und Burger am Außengrill und dann erreichen wir Aappilattoq an der Westküste Grönlands.

Das Dorf liegt auf einer winzigen Halbinsel, die sich am Zusammenfluss von drei Meeresarmen aus dem Wasser erhebt. Auf der Landseite ragt ein gewaltiges Bergmassiv auf, das den Zugang zum Dorf vom Festland aus versperrt. Neben einer Anreise mit dem Schiff ist der Helikopterlandeplatz die einzige Möglichkeit, Aappilattoq zu erreichen. Um die achtzig Menschen wohnen in der kleinen Ansiedlung, die 1922 als Handelsposten gegründet wurde. Die meisten Dorfbewohner leben vom Fischfang und von der Robbenjagd.
An diesem Nachmittag freuen sie sich auf Besuch von den Kreuzfahrern und amüsieren sich, dass einige sogar im Kajak übers Eismeer paddeln. Vor diesem besonderen Abenteuer müssen wir uns aber erstmal mühsam in die Trockenanzüge quälen, die uns davor schützen, nass zu werden, falls wir mit dem Boot kentern. Dann geht’s mit dem Zodiac nahe an die Küste, wo die See etwas ruhiger ist. Rex vom Expeditionsteam zeigt, wie wir vom Zodiac in die Kajaks umsteigen und schon geht’s los. Lautlos gleiten die Kajaks über die seichten Wellen. Ein Wasserfall rauscht von den uralten Felsen in die Tiefe. Kleine Eisschollen driften neben den Booten. Ein Rabe fliegt über unseren Köpfen hinweg. Die Seele wird leicht.

Lost Place Ivittuut
Tag fünf der Kreuzfahrt mit Swan Hellenic lässt die Fantasie Purzelbäume schlagen. Jedenfalls die von Thriller-Fans. Die „SH Vega“ läuft Ivittuut an, einen grönländischen „lost place“, der die perfekte Location für einen Stephen King-Roman abgäbe. Einst wurde in Ivittuut Silber und später in großem Stil Kryolith abgebaut. Damit stellte man Aluminium her. 1987 wurde die Mine geschlossen, da die Erzvorräte erschöpft waren und Kryolith mittlerweile synthetisch hergestellt wurde. Im gleichen Jahr kehrten die letzten Einwohner ihrer Stadt den Rücken zu und ließen ihre Häuser, die kleine Teestube auf dem Berg und den Friedhof in der Einsamkeit zurück.

Eine dumpfe Stille hängt über Ivittuut. Nur die Steinchen unter unseren Schuhsohlen knirschen, als wir durch den verlassenen Ort laufen. Manche Fenster sind zugenagelt, durch andere blickt man in leere Wohnzimmer. Die Farbe blättert von den Fassaden. Mücken umschwirren unsere Köpfe, als wir zum Friedhof hinaufsteigen, vorbei an einem alten Tennisplatz, der mal einer der teuersten der Welt gewesen sein soll, da er mit feinstem Kryolith-Schotter belegt war. Ein wenig gruselig ist es schon. Die Crewmitglieder tragen Gewehre, falls sich ein Eisbär blicken lässt. Die Chancen stehen allerdings höher, auf eine Herde Moschusochsen zu treffen, die hier gerne unterwegs sind. Für uns bleibt es heute jedoch bei den Mücken.

Die Stadt der Hunde
In Nuuk, der Hauptstadt Grönlands, kehrt die „SH Vega“ in die Zivilisation zurück. Mit rund 19.500 Einwohnern gilt Nuuk in den Augen der Grönländer als „Großstadt“. Schön ist die alte, farbenfrohe Kolonialgegend, in der auch das Nationalmuseum liegt. Viel interessanter finden wir jedoch den Stopp am nächsten Tag: Sisimiut. Abenteuerlustige lieben die Gegend vor allem im Winter, wenn man Hundeschlittentouren im Schnee unternehmen kann. Außerdem findet dann mit dem Arctic Circle Race das härteste Skilanglaufrennen der Welt statt. Jetzt im September liegt natürlich noch kein Schnee, deswegen erkunden wir die Gegend mit ATVs. Hintereinander geht’s mit den vierrädrigen Motorrädern in die Einsamkeit.

Wir passieren die Stadt der Hunde. Rund tausend Schlittenhunde leben hier. Ihr Geheul ist von weitem zu hören. Bald tauchen sie am Straßenrand auf, angebunden an kleine Hütten, zusammengerollt im Gras, aufgeregt winselnd oder völlig teilnahmslos, den Kopf auf den Pfoten. Nur die Welpen dürfen frei herumlaufen, bis sie ein halbes Jahr alt sind, dann werden auch sie angebunden.

Offroad röhren wir durch den Nieselregen und haben bald das Gefühl, in eine andere Welt einzutauchen. Soweit der Blick reicht, gibt es nur dunkle Berge, Wolken, einen einsamen See, Nebel und unablässigen Regen. „Hier starten die Einheimischen zu ihrer Karibujagd“, erklärt Fynn, der Besitzer von ATVs und Schlittenhunden. Sofort scannen alle die Gegend, ob sie Rentiere entdecken. Ich habe mal gelesen, dass es die einzigen Tiere sind, die einmal im Jahr ihre Augenfarbe wechseln. Im Sommer sind sie golden und im Winter dunkelblau. Fynn fährt fort: „Das ist so eine Traditionssache. Man ist drei oder vier Tage unterwegs, bis man eine Karibuherde entdeckt. Dann schießt man ein Tier, weidet es aus, legt es sich über die Schultern – das sind so ungefähr 60 Kilo – und schleppt es drei oder vier Tage zurück.“ Wir starren ihn schweigend an und versuchen uns vorzustellen, warum jemand in der heutigen Zeit so etwas auf sich nimmt. Dann klettern wir wieder auf die ATVs und geben Gas.
Fräulein Smillas Gespür für Schnee
Schließlich erreicht die „SH Vega“ Grönlands berühmteste Stadt schlechthin: Ilulissat in der Diskobucht. Mit einem kleinen Boot fahren wir ganz nahe an die Eisberge heran, bewundern ihre unterschiedlichen Formen und die tiefblauen Linien, von denen manche Giganten durchzogen sind. Der Ort, der es nicht nur durch „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ zu Weltruhm gebracht hat, fasziniert Reisende von überall her. Einer der vielen Eisberge, die hier durch die Diskobucht treiben, nahm vor 112 Jahren Kurs gen Süden und sorgte für den Untergang der „Titanic“.

Am kommenden Morgen durchfahren wir den Ilulissat Eisfjord, der bis zum Platzen mit Eisbergen und -brocken von dem gewaltigen Gletscher Sermeq Kujalleq gefüllt ist. Er liegt am Ende des Fjords und bewegt sich im Sommer 40 Meter pro Tag – das macht ihn zum schnellsten Gletscher auf der nördlichen Halbkugel. Es knistert und kracht, flüstert und knirscht, wenn wir auf dem Balkon der „SH Vega“ stehen. Gleich nach dem Frühstück fahren die Gäste wieder mit Zodiacs raus und kommen den kleineren Eisbergen so nahe, dass sie sie sogar anfassen können. Bevor es zurück aufs Schiff geht, wird am „Versorgungs-Zodiac“ mitten im Atlantik angedockt. Überraschung: Einige gutgelaunte Crewmitglieder reichen heißen Kaffee und Tee herüber.
Polar Plunge
Es lässt sich nicht verleugnen, die „SH Vega“ nähert sich Meile für Meile der Stadt Kangerlussuaq und damit dem Ende der Kreuzfahrt. Aber auch die letzten Tage an Bord bleiben unterhaltsam. Sage und schreibe 29 Passagiere stürzen sich beim „Polar Plunge“ in die eisigen Fluten des Nordatlantiks. Angeblich soll es gesund sein und gegen Bluthochdruck, fahle Haut, schlechten Schlaf und weiß der Teufel noch was, helfen.

Weitaus weniger Mut ist beim Überqueren des Polarkreises erforderlich. Nachdem wir diese denkwürdige Angelegenheit auf dem Hinweg versäumt haben, muss Neptun nun auf dem Rückweg Tribut gezollt werden. „Kiss the fish! Drink the shot!“, skandieren die verkleideten Mitglieder des Expeditionsteams. Ein Küsschen für den toten Fisch und ein Gläschen gekühlten Aquavit – das lässt sich natürlich niemand nehmen.

Die See ist glatt wie ein Spiegel, als wir am letzten Tag durch den Kangerlussuaq Fjord fahren. Henri Leinfelder hält einen Vortrag über Außerirdische in der Observation Lounge. Die Sonne scheint und eine kleine Wolke lässt ein paar Tropfen aufs Außendeck fallen. Dann taucht plötzlich ein Regenbogen direkt neben uns ins türkisfarbene Wasser ein. Vielleicht gibt es irgendwo eine andere Welt, auf der man leben könnte. Aber ganz ehrlich? Schöner als unsere kann sie nicht sein.
Text & Fotos: Susanne Müller
Informationen zur SH Vega:
Benannt nach dem ersten Schiff, das die Nordostpassage der Arktis durchquerte, fährt die „SH Vega“ für das britische Unternehmen Swan Hellenic. Die „SH Vega“, ein 5-Sterne-Expeditionsschiff, vereint ein elegantes skandinavisches Design mit modernster Kreuzfahrttechnologie und einem eisverstärkten PC5-Rumpf. Bis zu 8.000 Seemeilen oder 40 Tage kann das Schiff nach Angaben der Reederei völlig autark fahren. Der Bug ist über das „Swan‘s Nest“ begehbar. Das Publikum kommt aus der ganzen Welt und genießt den exzellenten Service an Bord sowie die sensationellen Möglichkeiten zur Naturbeobachtung. Der Dresscode ist leger.

Es gibt 76 Kabinen, darunter sechs Suiten, die allesamt Wohlfühlatmosphäre ausstrahlen. Dazu trägt ein (digitaler) knisternder Kamin ebenso bei wie die Regenwalddusche und die private Kaffeemaschine. Frühstück und Mittagessen werden in Buffetform angeboten. Abends wird das ausgezeichnete Essen auf Sterne-Niveau in einer offenen Tischzeit und bei freier Platzwahl serviert. Morgens und mittags kann auch in der Club-Lounge mit bester Sicht nach draußen gegessen werden. Bei schönem Wetter gibt’s am Außengrill am Heck frischen Fisch, Scampi und Hamburger. Die gut geschulte und aufmerksame Servicecrew macht einen fantastischen Job und kennt die Passagiere meist schon am zweiten Tag beim Namen.

Preisbeispiel: Eine 12-Nächte-Kreuzfahrt mit der SH Vega von Reykjavik nach Kangerlussuaq wird im Sommer 2026 ab 9700 Euro angeboten.
Infos: www.swanhellenic.com