Inseln stehen für viele Träume wie Ferne, Abenteuer, abgeschiedene Paradiese und andere Sehnsüchte. Doch Inseln können auch als Gefängnis, Versuchslabor oder Militärstützpunkt dienen. Genau dieses Spannungsfeld macht Adwin de Kluyvers „Die Inseln des Guten und Bösen“ zum Gegenstand einer ungewöhnlichen kulturgeschichtlichen Entdeckungsreise. Das Buch verbindet Reiseerzählung, historische Recherche und enzyklopädische Wissensvermittlung zu einem Buch über die Frage, was der Mensch mit Orten macht, die er für seine eigenen Vorstellungen von Welt, Gesellschaft und Zukunft benutzt. Denn selbst abgelegene Inseln sind keine isolierten Welten mehr. Sie sind Brenngläser für unsere Hoffnungen und Ängste. Adwin de Kluyver macht daraus eine abwechslungsreiche, intelligente und ausgesprochen unterhaltsame Reise.
Der Historiker und Schriftsteller hat sich bereits in mehreren Büchern mit extremen Landschaften, Entdeckungsreisen und den Vorstellungen beschäftigt, die Menschen auf abgelegene Regionen projizieren. De Kluyver lebt und arbeitet teilweise auf der niederländischen Watteninsel Vlieland. Seine persönliche Inselbegeisterung ist also keineswegs nur literarischer Einfall, sondern Teil seiner Biografie. Diese persönliche Faszination bildet den Ausgangspunkt des Buches. De Kluyver hat mehr als einhundert Inseln besucht. Schon als Kind fühlte er sich von dem Gedanken angezogen, einen von Wasser umgebenen, geheimnisvollen Ort zu erreichen. In „Die Inseln des Guten und Bösen“ interessiert ihn aber nicht in erster Linie die touristische Schönheit der Eilande, sondern was Menschen auf Inseln getan, ausprobiert und angerichtet haben.
Das Grundmotiv: Eine Insel ist die Welt im Kleinen. Weil sie räumlich begrenzt ist, scheint sie sich besonders gut für Experimente zu eignen. Hier kann man eine ideale Gesellschaft gründen, eine neue Wirtschaftsordnung ausprobieren, wissenschaftliche Untersuchungen durchführen oder militärische Technologien testen. Diese scheinbare Überschaubarkeit macht Inseln für menschliche Fantasien so attraktiv und manchmal auch so gefährlich. De Kluyver erzählt von Philosophen und Naturforschern, Aussteigern und Unternehmern, Wissenschaftlern und Militärs, von Utopisten und Menschen, deren Träume in Gewalt umschlagen. Auf Lesbos begegnet man Aristoteles und seiner Naturforschung, auf Usedom den Raketenexperimenten Wernher von Brauns. Andere Geschichten führen zu den deutschen Kolonialverbrechen auf Shark Island vor Namibia, zu den Atomtests im Pazifik oder zu militärischen und wissenschaftlichen Experimenten auf abgelegenen Inseln. Daneben gibt es geradezu groteske Episoden, etwa von den chaotischen Dreharbeiten zu The Island of Dr. Moreau auf Cape Tribulation mit Marlon Brando.
Besonders gelungen ist, dass de Kluyver diese Geschichten nicht einfach als lose Sammlung kurioser Inselanekdoten präsentiert. Das Buch besitzt eine klare formale Idee. Insgesamt zwölf größere Kapitel werden durch kurze Informationsstrecken, isolario genannt, ergänzt. Dort finden sich weitere Inseln, Begriffe und kurze historische Hinweise. De Kluyver schreibt als Historiker, aber er schreibt nicht wie ein Lehrbuchautor. Seine Recherche verschwindet weitgehend hinter der Erzählung. Die Fakten werden in Geschichten verwandelt, er kann Personen und Orte mit wenigen Strichen überzeugend charakterisieren. Außerdem variiert er seine Erzähltechniken, sodass keine Monotonie entsteht.
De Kluyver wertet nicht und lässt die Ereignisse selbst wirken. Der Leser erkennt selbst, wie schmal die Grenze zwischen einem gut gemeinten Experiment und einem zerstörerischen Eingriff sein kann. „Gut“ und „Böse“ sind in diesem Buch keine zwei sauber voneinander getrennten Welten. Auf Inseln können die gleichen menschlichen Eigenschaften beides hervorbringen: Der Wunsch nach einem besseren Leben kann in eine Utopie münden oder in Fanatismus. Wissenschaftlicher Ehrgeiz kann Fortschritt ermöglichen, aber gleichzeitig verheerende Folgen haben. Dabei ist das Buch keineswegs düster. Neben erschütternden Geschichten stehen skurrile, überraschende und abenteuerliche Episoden. Aus den zunächst scheinbar unabhängigen Geschichten ergibt sich allmählich ein größeres Bild: die Insel als Modell für unseren Umgang mit der Erde. Gerade weil der Autor diese Erkenntnis nicht ständig moralisierend buchstabiert, bleibt sie beim Leser hängen.
Die Inseln des Guten und Bösen
Adwin de Kluyver
mare Verlag
Gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 400 Seiten, 28 Euro
ISBN: 978-3-86648-749-9
Weitere Informationen unter https://www.mare.de/buecher/die-inseln-des-guten-und-bosen-749