Juli 1, 2026

Mit der Hamburg durchs Herz Nordamerikas

Hamburg Nordamerika

Juli 1, 2026

Von Peer Schmidt-Walther

Fünf gewaltige Binnenmeere, zwei Länder, unzählige Geschichten: Die Großen Seen Nordamerikas gehören zu den beeindruckendsten Wasserlandschaften der Erde – und doch stehen sie selten auf den klassischen Kreuzfahrtrouten. Zu groß für einen Fluss, zu verborgen für die Ozeanriesen. Nur wenige Schiffe dürfen das weit verzweigte System aus Seen, Kanälen und Schleusen überhaupt befahren. Eines davon ist die „Hamburg“ (Foto oben) von Plantours Kreuzfahrten. Mit ihrer kompakten Größe öffnet sie die Tür zu einer Reise, die spektakuläre Natur, pulsierende Metropolen wie Chicago und Toronto sowie das Erbe der Pioniere und Ureinwohner auf einzigartige Weise verbindet. Eine Kreuzfahrt durch das Herz Nordamerikas – dorthin, wo Wasser die Landschaft und ihre Geschichte bis heute prägt.

Hamburg Nordamerika
Die Skyline der kanadischen Millionenstadt Toronto voraus.

 

Mit der Hamburg unterwegs in Nordamerika

Die Hamburg, ein elegant geschnittenes Motorschiff ist der Hingucker zwischen Chicago und Montreal. Der schlanke, nur 21,5 Meter breite Schiffsrumpf wurde in Wismar als Columbus maßgeschneidert – nichts ragt über das glatte Profil hinaus, sogar die „Wings“ oder Brückennocken sind einfahrbar – für ein reibungsloses Auf und Ab durch das Schleusensystem des 3700 Kilometer langen Sankt-Lorenz-Seeweges. Dennoch knirscht es beängstigend, wenn sich ein Schiff in die Kammern zwängt. Unübersehbar sind die Kratzspuren im Vorschiffsbereich der großen Frachter. Die beiden Lotsen und der Rudergänger müssen dann höchst konzentriert bei der Sache sein.

Hamburg Nordamerika
Einfahrt in eine Schleusenkammer mit fast der gleichen Breite wie das Schiff.

Tausendfüßler auf den Seen

15 Wassertreppen, 1959 fertiggestellt, heben ein Schiff bis zum Lake Superior rund 183 Meter hoch. Was kaum jemand weiß, welche Brocken in der Große-Seen-Fahrt unterwegs sind. Die größten werden hier „Tausendfüßer“ genannt. Erz-, Weizen- und Kohlefrachter von über 1.000 Fuß oder bis zu 306 Meter Länge mit einer Tragfähigkeit von knapp 100.000 Tonnen. Sie sind wegen der Schleusenmaße – manche davon noch größer als im Panama-Kanal – Gefangene ihres Fahrtgebietes: hier gebaut und „dank“ ihrer gewaltigen Abmessungen ohne Chance, jemals den Atlantik zu sehen. Sie heißen deshalb auch „Laker“.  Andere, sogenannte „Salties“ oder Salzwasser-Schiffe, mit maximalen Abmessungen von 225 Metern Länge, 23 Metern Breite und 8,8 Metern Tiefgang kommen über den Welland-Kanal und fünf weitere Kanäle zwischen Ontario- und Eriesee aus Europa und der übrigen Welt: mit Containern, Fahrzeugen, Öl oder Stückgut, wobei sie bis zu 27mal die internationale Grenze zwischen den USA und Kanada passieren. Aus Duluth zum Beispiel, dem größten Binnen-Seehafen der Welt am Südzipfel des Lake Superior, schleppen sie Papier, Holz, Weizen und Erz zurück durch den Sankt-Lorenz-Seeweg  über den Atlantik – insgesamt pro Jahr 36 Millionen Tonnen.

Hamburg Nordamerika
Am Horizont des Eriesees braut sich etwas zusammen.

 

Eiszeitfolgen und Fünf-Seen-Fahrt

Die entscheidenden Vorleistungen für die Seeschifffahrt erbrachte das Eis durch seine tiefschürfende Arbeit vor rund 10.000 Jahren. Mehrere Kilometer mächtige Gletscher hobelten damals ein Becken aus dem granitenen Urgesteinsgrund, in das flächenmäßig ganz Deutschland passen würde. Allein die Wassermassen des Lake Superior könnten die USA einen Meter hoch bedecken.

Ein spontan-ehrliches „Oh!“ entfährt der Dame im Decksstuhl, als der Kreuzfahrtdirektor in der morgendlichen Lautsprecher-Ansage die Seetiefe mit knapp 200 Metern Wasser unterm Kiel angibt. Zwischen 311 und 563 Kilometern Länge ziehen sich die fünf Binnenmeere Lake Superior, Michigan, Huron, Erie und Ontario hin, die bis über 400 Meter tief und mit rund 35.000 Inseln gesprenkelt sind. „Fünf-Seen-Fahrt mal ganz anders als bei uns in der Holsteinischen Schweiz zwischen Malente und Plön“, sagt jemand, der aus der norddeutschen Region stammt.

Über 2.342 Seemeilen muss ein Schiff vom Atlantik bis zum äußersten Zipfel des Lake Superior dampfen. Das entspräche der Entfernung von Neufundland zum Englischen Kanal über den „großen Teich“. „Und das mitten in Amerika!“, staunen die Gäste. Sie hat es hauptsächlich hierhergezogen „…um einmal das größte zusammenhängende Binnenwassersystem der Erde zu befahren!“ Drei Viertel des weltweiten Frischwassers sind darin gespeichert. Hier zu fahren, das sei gewissermaßen ein Privileg, wie der Kreuzfahrtdirektor meint. Auch Seeleute und Mehrfach-Weltreise-Passagiere, die glauben, alle Häfen und Gewässer dieser Welt zu kennen, müssen bei den Great Lakes oder Großen Seen passen.

Hamburg Nordamerika
Chef und Maitre sind an Bord der Hamburg ein wichtiges Team.

 

Seenfahrt zum Indian Summer

Schon beim Anflug auf Montreal hat man das Gefühl, über einem Meer zu schweben. Die zweiwöchigen Seen-Reisen verstärken dieses Gefühl noch. Dennoch muss man normalerweise keine Seekrankheit befürchten. Aber: Herbstliche und winterliche Stürme brechen umso verheerender los. Im November 1975 zerbrach der 30.000-Tonnen-Erzfrachter Edmund Fitzgerald in den bis zu sieben Meter hohen Wellen des Lake Superior und versank mit 29 Mann in Minutenschnelle. 10.000 Wracks auf dem Grund der Seen und der Ortsname Thunderbay sprechen eine deutliche Sprache.

Die eindringlich nördlich-herbe Schönheit der scheinbar endlosen wald- und wasserreichen Region – Paradies für Naturfreaks und Wassersportler – hat viele Gäste angelockt. „Auch dies ein alter Traum von mir“, gesteht ein Gast. „Per Auto oder Camper wäre das ein ziemlicher Aufwand“, begründet er die Reisewahl. Seine Frau freut sich wie viele andere auf den „Indian Summer“, die herbstlich-flammenden Bäume der Region, die wegen ausbleibender Kaltluft noch am Anfang ihrer Prachtentfaltung stehen.  Schon 1608 gingen hier Franzosen vom kanadischen Quebec aus auf Entdeckungsreise: nicht auf der Suche nach der Farbenpracht des Laubs, sondern um die legendäre Nordwestpassage zu finden, den direkten Wasserweg zum Pazifik.

Hamburg Nordamerika
Das Sankt Lorenz-Große Seen-System im Querschnitt.

Groß und stark: Checagou

Die Reiseleiterin schwärmt von „ihrem“ Chicago. Die drittgrößte Stadt der USA, in der 85 Nationalitäten zu Hause sind und 54 Sprachen gesprochen werden, wurde von den längst ausgerotteten Woodland-Indianern einst „Checagou“ – „groß und stark“ – genannt. Das war 1000 vor Christus, aber doch mit Blick in die Zukunft. Heute pulsiert in der sauberen Acht-Millionen-Metropole im Staate Illinois das Leben. Fernab von längst überholten Mafia-Vorstellungen, Schlachthofgerüchen und Schmuddel-Image. Chicagos Kunst-, Musik- und Kulturszene ist mittlerweile „incomparible“ – unvergleichlich. Eingeschlossen die Skyline mit dem Sears Tower, einem der höchsten Gebäude der Welt und einem traumhaften Blick aus 442 Meter Höhe über Stadt und Michigan-See. Seine langen weißen Sandstrände und die türkisklaren warmen Fluten seien für Badegäste nicht ganz ungefährlich, erfährt man: Sonnenbrand – über 2.500 Stunden jährlich strahlt hier der heiße Planet – lässt einen schnell zur Rothaut mutieren. Mit dem berühmten „Indian Summer“ hat das allerdings nichts zu tun. Manitou  lässt grüßen, dem zu Ehren eine Insel im Lake Huron benannt wurde.

Chicago ist von vielen Kanälen durchzogen.

German Gemütlichkeit

Frühmorgendlicher Blick aus dem Kabinenfenster Aus dem Dunst ragen Wolkenkratzer. „Versammlungsplatz am Wasser“, wie Milwaukee, so liest man, aus dem Indianischen übersetzt heißt. Gelegen im Staate Wisconsin oder in der Sprache der Ureinwohner: „Ouisconsin“ – wo die Wasser zusammenfließen. Und nicht nur das, sondern auch Menschen wie zum Beispiel Frank H., den wir in einem „German Pub“ treffen. Er lüftet seinen Gamsbarthut und begrüßt die Ankömmlinge mit einem stilechten „Grüß Gott!“ und einheimischem Gerstensaft. Er, seine Frau Dr. Ruth H., gebürtige Naumburgerin, Magrit H. aus Brake an der Unterweser und Traudl M., von der Bierstadt Radeberg nahe Dresden ausgewandert, bilden das sächsisch-niedersächsisch-anhaltinisch-bayerische Komitee vom Verein „German Fest Milwaukee ‚Gemütlichkeit‘ “. Mit Heimatvereinen und Dialektvarianten zwischen Flensburg, Rostock, Dresden, Dorsten und Garmisch. Ihre seit Jahrzehnten neue Heimat ist die „deutscheste Großstadt“ der USA. Geprägt von Bierbrauereien, landsmannschaftlichen und Turnvereinen, Feuerwehr und Kleinstadtatmosphäre – trotz eineinhalb Millionen Einwohnern.

Crewmitglieder bringen Schwung in den bayerischen Vormittag.

 

Als der Ex-Schwabe Joe R. aus der Hamburg-Runde das mundartliche „Heilandzack!“ vernimmt, bricht es aus ihm heraus: „Ein Fluch aus der schwäbischen Heimat ist mir lieber als 1.000 Dollar.“ Rührung auf beiden Seiten.  Lange winken und rufen sie zum Abschied: „Auf Wiedersehen, ‚Hamburg‘!“

Fotos: Peer Schmidt-Walther und Plantours

Alle Kreuzfahrten mit der Hamburg finden Sie hier.

Einen weiteren Artikel über die Hamburg finden Sie hier.

Ihnen hat der Artikel gefallen? Dann jetzt teilen auf Facebook, LinkedIn und X