Januar 24, 2026

Die weiße Nacht

Buchkritik / Rezension" Die weiße Nacht" von Anne Stern, Piper Verlag. Man spürt die Schwere einer Vergangenheit, die noch lange nicht überwunden ist

Januar 24, 2026

„Die weiße Nacht“ ist der erste Band der neuen Krimireihe „Lou & König“. Diese Reihe spielt im Hungerwinter 1946/47 in Berlin, also direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Stadt liegt in Trümmern, der Frost beißt, Hunger und Not sind allgegenwärtig.  In dieser trostlosen Kulisse stößt die junge Fotografin Lou Faber bei einem ihrer Streifzüge auf der Suche nach lohnenden Motiven, die sie an Zeitungen verkaufen könnte, auf eine ungewöhnlich arrangierte Frauenleiche in der Ruinenlandschaft: im Schnee liegend, mit gefalteten Händen, wie zu einem Gebet gelegt. Kriminalkommissar Alfred König, der mit den Konsequenzen der Kriegszeit und seinen daraus entstandenen inneren Narben zu kämpfen hat, übernimmt die Ermittlungen. Lou , deren Instinkt für das Detail dank ihrer Kamera dem Kommissar hervorragende Dienste leistet, gerät bald unfreiwillig in den Mittelpunkt.

Inhaltlich bewegt sich der Roman weit über die bloße kriminalistische Handlung hinaus: Der Mordfall selbst, der sich im Lauf der Geschichte zu einer Serie weiterer ähnlich inszenierter Toter entwickelt, wird geschickt mit den historischen und sozialen Umständen verknüpft. In einer Zeit, in der Ausrüstung, Personal und Vernetzung der Polizei praktisch nicht existent sind und in der Berlin in vier Besatzungszonen zersplittert ist, geraten Ermittlungen zum Spießrutenlauf zwischen mangelnden Ressourcen und zwischenmenschlicher Misstrauenskultur. Gleichzeitig erzwingt der Fall eine Konfrontation mit tief sitzenden Traumata: nicht nur in der Gegenwart, sondern durch Verstrickungen, die bis in die finstere Vergangenheit des nationalsozialistischen Regimes und seiner überlebenden Täter und Mitläufer reichen.

Die Darstellung der Charaktere ist eine der größten Stärken des Romans. Lou Faber wirkt auf den ersten Blick unscheinbar in ihrer Rolle als Fotografin, doch zeigt sich schnell, wie scharfsinnig und empathisch sie tatsächlich ist. Ihre Beobachtungen sind oft präziser als offizielle Ermittlungen, und gerade durch ihre Perspektive erlebt der Leser die Ruinenstadt Berlin: nicht nur visuell, sondern als einen Ort des Schmerzes, der Kälte, der Verzweiflung, aber auch leiser Hoffnung und Aufbruchsstimmung. Kommissar König ist ein sehr verschlossener Ermittler mit einem Hang zu tiefer, innerer Reflexion. Je mehr der Leser über seine Vergangenheit erfährt, desto mehr versteht man seine Motivation und Zähigkeit i den Ermittlungen. Die Nebenfiguren, seien es Kollegen, Einwohner des von der Mordserie betroffenen Viertels, das Schwarzmarktumfeld oder Menschen, die trotz Krieg und Hunger noch an Moral und Menschlichkeit festhalten wollen, sind facettenreich gezeichnet und tragen zur dichten Atmosphäre bei. Lou Faber bildet mit König ein Duo, dessen Dynamik durch Gegensätze wie Erfahrung und Intuition, Schweigen und Empathie funktioniert.

Der Schreibstil von Anne Stern ist bildhaft, ruhig und eindringlich. Sie versteht es, nicht nur eine Untersuchung zu schildern, sondern darüber hinaus das ganze Leben in einer Stadt am Rande des Überlebens fühlbar zu machen. Die Sprache besitzt eine gewisse poetische, fast melancholische Eleganz, die die Düsternis von Atmosphäre und Szenerie nicht verhüllt, sondern sie umso intensiver macht. Diese detaillierte Erzählweise fordert manchmal ein gemächlicheres Lesetempo, weil sich die Spannung nicht ausschließlich durch actionreiche Szenen, sondern durch das stete Auftauchen neuer Fragen und die Tiefe der historischen Reflexion aufbaut.

Der Spannungsbogen ist nicht einer klassischen, hochdosierten Thrillerstruktur verpflichtet, sondern funktioniert in der Spannung zwischen Kriminalfall, Zeitkolorit und Charakterentwicklung. Die Entdeckung der Leiche ist nur der Anfang. Mit jeder weiteren Toten, mit jedem Hinweis, der auf eine Verbindung zwischen den Opfern und der Vergangenheit deutet, wächst der Druck: nicht nur auf die Figuren, sondern auch auf die Vorstellung beim Leser, dass die Wahrheit in einem Geflecht aus persönlichen und historischen Wunden liegt. Besonders gelungen ist dabei, wie die Autorin subtile Anspielungen und Rückblenden in die Erzählung einwebt, ohne sie plump wirken zu lassen – die Vergangenheit bleibt stets präsent wie eine dunkle, unsichtbare Wolke, die alles beeinflusst. Die Kapitel sind so aufgebaut, dass sie stets einen kleinen Anreiz zum Weiterlesen bieten, ohne sich in unnötige Längen zu verlieren. Gleichzeitig werden bereits in dieses Buch Nebenhandlungen mit Charakteren eingeführt, zum Beispiel in einem Kriegsgefangenenlager in Russland, bei denen klar ist, dass sie in weiteren Bänden dieser neuen Reihe eine Hauptrolle spielen werden. Dieses geschickte Einweben macht Lust mehr von dem neuen Kriminalduo zu lesen.

Autorin Anne Stern ist in Berlin geborene, promovierte Germanistin und Historikerin, die mit ihrer fundierten Geschichtskenntnis bereits mehrere erfolgreiche Romane veröffentlicht hat. Sie wurde insbesondere mit der historischen Saga um die Berliner Hebamme „Fräulein Gold“ bekannt, deren einzelne Bände regelmäßig die Spiegel-Bestsellerlisten erreichten. Darüber hinaus hat sie Romane wie „Meine Freundin Lotte“, „Drei Tage im August“ und „Wenn die Tage länger werden“ veröffentlicht, in denen sie häufig historische Settings, persönliche Schicksale und psychologische Beobachtungen verbindet.

„Die weiße Nacht“ zeigt auf eindrucksvolle Weise, wie man einen historischen Kriminalroman schreiben kann, der nicht allein dem Rätsel folgt, sondern auch dem Bedürfnis, eine Zeit fühlbar und begreifbar zu machen. Die Kombination aus sorgfältiger Recherche, atmosphärisch dichter Sprache und authentisch wirkenden Charakteren lässt den Leser nicht nur in einen Kriminalfall eintauchen, sondern auch in ein zerrissenes Berlin, das nach dem Krieg um Orientierung ringt. Wenn man dieses Buch liest, spürt man die Kälte des Winters, den Hunger der Menschen und die Schwere einer Vergangenheit, die noch lange nicht überwunden ist – und gerade darin liegt sein eindrücklicher Reiz.

Die weiße Nacht

Anne Stern

Piper Verlag

Gebunden, mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 400 Seiten, 25 Euro

ISBN: ‎ 978-3492074612

https://www.piper.de/buecher/die-weisse-nacht-isbn-978-3-492-07461-2

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