06.04.2020

Keine Kreuzfahrt, aber trotzdem Theater

Täglich ab 20.15 Uhr wird aus dem Schmidtchen gestreamt. Foto: Claudia Emrich

215 Kreuzfahrtschiffe umfasst die Anlaufliste für die Freie und Hansestadt Hamburg im vergangenen Jahr. Hier also gehen enorm viele Reisende von und an Bord – und natürlich genießen sie gern auch das maritime Flair der Stadt. Genau so erging es in der Vergangenheit uns, nämlich der besten Frau von allen und meiner Wenigkeit: Wenn eine Reise in Hamburg beginnen sollte, dann reisten wir stets einen Tag früher dort an, um noch ein wenig die zweitgrößte deutsche Stadt zu erleben.

Der Landgang in Hamburg kann enorm vielseitig sein, es gibt eine Menge zu erleben. Wie wäre es mit dem Miniatur Wunderland in der Speicherstadt? Oder mit einem Besuch bei Hagenbeck, dem mehr als 100 Jahre alten Tierpark im Norden der Stadt? Ein Besuch auf den Landungsbrücken gehört für uns zu jedem Aufenthalt dazu, eine Hafenrundfahrt vermittelt interessante Eindrücke und neues Wissen – so manches Mal kann dabei auch einer der Kreuzfahrt-Riesen auf dem Trockendock gesehen werden.

Und dann gibt es ja noch die berühmte sündige Meile, den Kiez, die Reeperbahn und die Große Freiheit. Was wäre ein Hamburg-Besuch ohne einen Abstecher nach Sankt Pauli? Für uns steht dieser ganz besondere Stadtteil sogar zumeist im Mittelpunkt der Vorab-Kreuzfahrtaktivitäten. Und so werden auch gern Zimmer in den kleinen Häusern vor Ort gebucht, zum Beispiel  dem Hotel Heimat St. Pauli oder dem Hotel Hamburger Perle. Niemand muss übrigens Angst haben: Die Zimmerpreise werden hier pro Nacht und nicht etwa pro Stunde abgerechnet, die Häuser in der Nähe des Hans-Albers-Platzes sind zudem zwar klein, aber enorm sauber und gemütlich. Und sie haben einen enormen Vorteil: Bis zur Reeperbahn sind es nur ein paar Schritte.

Auf dieser wohl berühmtesten aller Hamburger Straßen gibt es Unterhaltungsmöglichkeiten en masse. Das Operettenhaus ist hier zu finden, es gibt Restaurants, urige Kneipen – und natürlich auch Erotik-Shops. Fast direkt neben der berühmten David-Wache allerdings liegen immer wieder die Ziele für unsere Unterhaltung: Das Schmidt-Theater, Schmidts Tivoli und das Schmidtchen.  Hier gibt es Theater-Genuss zum vergleichsweise kleinen Preis, hier gibt es aber auch Unterhaltung, die mehr als einmal dafür sorgte, dass die Brille abgenommen werden musste, weil die Tränen der Fröhlichkeit nur so übers Gesicht rannen.

Bekannt ist vor allem die „Heiße Ecke“ – ein Musical, das im Tivoli schon seit 2003 vom Leben auf dem Kiez berichtet, dabei durchaus schlüpfrig, aber niemals schäbig daherkommt. Eingängige Melodien zum Nachsingen, eine ebenso einfache wie humorvolle Handlung und hervorragende Schauspieler sorgen auch beim Zweit- oder Drittbesuch für gute Laune. Uns jedenfalls ging es stets so, wobei die Eintrittspreise hier weitaus geringer sind als bei den „großen“ Musicals in Hamburg. Zudem hat das  Tivoli so seine besondere Atmosphäre – wie in einem Varieté sitzt das Publikum an kleinen Tischen und lässt sich gern mit Speis‘ und Trank verwöhnen (legendär: Die Currywurst mit einer Flasche Astra Bier).

Ausgesprochen gut gelaunt traten wir auch eine Kreuzfahrt an, nachdem wir am Abend zuvor „Die Königs vom Kiez“ mit Theater-Besitzer Corny Littmann – vor einigen Jahren übrigens Präsident des FC St. Pauli – in der Hauptrolle gesehen hatten. Selbst später auf dem Schiff kamen immer wieder Szenen dieser musikalischen Komödie in den Sinn, die für ein breites Grinsen oder zumindest ein Lächeln sorgten. Und auch die jüngste Produktion „Cindy Reller“ sorgte einfach nur für gute Laune.

Aber was soll das alles? Momentan gibt es keine Kreuzfahrten ab Hamburg, die Theater sind allesamt geschlossen – dabei hatten wir uns doch schon auf eine Reise Ende April und auf das Stück „Tschüssikowski“ am Abend davor gefreut. Die Eintrittskarten dafür werden wir zurück geben, auf die Reise selbst verzichten müssen. Und dennoch: So einen Hauch Hamburg, so einen Hauch Schmidt lassen wir uns nicht entgehen. Theater-Besitzer Littmann erklärte via Facebook, dass er und seine Mitstreiter einfach gern auf der Bühne stehen, einfach das Publikum unterhalten wollen. Und das tun sie auch zu Corona-Zeiten: Täglich ab 20.15 Uhr wird aus dem Schmidtchen gestreamt. Die jeweils 45-minütige Show ist ein bunter Mix aus Musik, Comedy, Talk, schrägen Rubriken und spontanen Überraschungen. Elke Winter, die „Queen of Comedy“, empfängt dabei gemeinsam mit dem Schmidtchen-Hausherrn Henning Mehrtens täglich neue Gäste. Angekündigt haben sich unter anderem schon Kabarettist Wolfgang Trepper, Klappmaul-Komiker Werner Momsen und Darsteller aus dem Schmidt-Ensemble. Dabei sind nicht nur Schmidt-Künstler herzlich eingeladen: „Wir bieten eine virtuelle Bühne für alle, die zurzeit nicht auftreten können – ausdrücklich auch für Künstlerinnen und Künstler aus anderen Häusern“, sagt  Corny Littmann.

Wir haben also trotz geschlossener Theater Hamburger Schmidt-Unterhaltung genossen. Und obwohl unsere Reise ausfällt, werden wir am Abend vor der geplanten Abfahrt ganz sicher in Hamburg zu Gast sein – bei „SchmidtFlix“, der Streaming-Show (Facebook oder www.tivoli.de). Ein kleiner Trost ist das. Und ein Anreiz, bald wieder in natur in der Elbe-Metropole sein und dann auch auf ein Kreuzfahrtschiff gehen zu können. Am 2. August wollen wir in See stechen. Und am 1. August dürfen es vielleicht noch einmal die Königs vom Kiez sein – damit wir gut gelaunt an Bord gehen. Ach ja: Damit die Theaterleute auch ihre gute Laune behalten, würden sie sich über den Kauf von Gutscheinen freuen, die es schon ab 4,99 Euro gibt – einzulösen bald. Vielleicht am 1. August.

Text: Dirk Kröger, Fotos: Claudia Emrich

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