24.06.2020

Grönland: Nach der Pause durchs Treibeis

Grönland
An der Westküste Grönlands kann der Eqip Sermia Gletscher bestaunt werden. Foto: Claudia Emrich

So langsam scheint der Kreuzfahrt-Markt wieder in Schwung zu kommen, die Angebote mehrerer Reedereien kommen zumindest auf den Markt. Aber wohin soll der geneigte Kreuzfahrer reisen? Natürlich gibt es in vielen Ländern noch Einschränkungen und Sicherheitsbedenken. Diese können wohl bei einer Fahrt nach Grönland außer Acht gelassen werden, denn die größte Insel der Welt hatte insgesamt nur elf Corona-Fälle zu verzeichnen. In der Statistik stehen aktuell zudem elf Genesene und keine Toten – Grönland also darf als Corona-frei angesehen werden. Und eine Reise nach Grönland verspricht Höhepunkte. An der Westküste beispielsweise kann der Eqip Sermia Gletscher bestaunt werden. Unser Autor Dirk Kröger tat genau das.

Vor dem Gletscher wird auf Reede geankert. Er liegt 80 Kilometer nördlich von Ilullissat und kann nur auf dem Wasserweg erreicht werden. Dabei geht es vorbei an den Siedlungen Oqaatsut/Rodebay. Der Gletscher ist einer der aktivsten in Grönland und bietet somit eine große Vielfalt an Erlebnissen. Mit dem Zodiac kann man zum Gletscher fahren und auf das Abbrechen und Herunterstürzen des Eises warten - ein wirklich herausragendes Ereignis!

Sobald das passiert, wird der Staunende von dem lauten Krach überrascht, wenn das Eis auf das Wasser trifft. Das grönländische Inlandeis ist mit Schnee bedeckt. Sobald dieser Schnee von weiterem Schnee bedeckt wird, entsteht Eis. Die Luft, die dabei zusammengepresst wird, entwickelt sich mit der Zeit zu unter Druck stehenden Luftbläschen. Sobald der Gletscher kalbt, wird diese Luft wieder freigesetzt. Der Gletscher entspringt im Inlandeis und ergießt sich auf einer Breite von 4,3 Kilometern direkt ins Meer, wo er in unzählige Eisberge zerbricht. Die Gletscherkante ist bis zu hundert Meter hoch.



Nachdem unser Schiff in respektvollem Abstand zum Gletscher geankert hatte, durften wir als Passagiere Zodiacs besteigen. Mit den Schlauchbooten ging es immer näher an die Eiskante heran, wobei wir schon bald erstaunt feststellten, dass überall im Wasser kleine Eisbrocken trieben. Von Bord des Kreuzfahrtschiffes aus war das gar nicht zu erkennen, aber in den Zodiacs waren diese Mini-Eisberge allgegenwärtig. Und es wurden immer mehr, bald schon schien die gesamte Wasseroberfläche von Eis bedeckt zu sein. Das Zodiac aber bahnte sich seinen Weg immer näher zum Gletscher hin. Eine Lektorin an Bord gab Erläuterungen dazu  und beantwortete fachkundig die Fragen. Natürlich hatten wir uns alle warm angezogen. Ich hatte Mütze und Handschuhe aus dem Gepäck hervorgeholt. Und das war sinnvoll, denn das Eis strahlte enorme Kälte ab, wobei wir uns glücklich schätzen durften, dass es nahezu windstill war.

Dick eingemummelt: Unser Autor Dirk Kröger.

Das Kalben des Gletschers

Ich weiß nicht genau, wie nahe wir mit dem Zodiac an die Gletscherwand heranfuhren - vielleicht waren es gerade einmal hundert Meter. Der Eissturm sah immer gigantischer aus. Und dann hörten wir auch das Knirschen und Knatschen, das dem Kalben des Gletschers vorausgeht. Große Eisberge lösten sich nicht vom Gletscher, aber immer wieder war zu hören, wie kleine Eisbrocken auf der Wasseroberfläche aufprallten. Bis die geschmolzen sind, dauert es selbst im Hochsommer mehrere Wochen, während die Bucht vor dem Gletscher im Winter völlig zugefroren und nicht passierbar ist. Wir alle konnten gar nicht genug vom Gletscher, von seinem Kalben und vom Eis rings um uns herum bekommen. Gut, dass unsere Zodiac-Steuerleute es offenbar nicht sonderlich eilig hatten…

 Nach rund einer Stunde aber ging es - voll mit neuen Eindrücken - zurück an Bord des Kreuzfahrtschiffes, wobei wir noch erfuhren, dass ein etwas kleinerer Gletscher in Sichtweite - links vom Eqip Sarmia - bisher keinen Namen hat. Vorschläge dafür werden noch angenommen, wobei „Corona-Gletscher“ wohl eher nicht akzeptiert würde.

Ein besonderer Tag

Auf jeden Fall war dies ein ganz besonderer Tag im Rahmen der Grönland-Kreuzfahrt. Wir hatten zuvor schon bunte Dörfer, Holzkirchen und auch viele Eisberge gesehen, aber so nahe an einen derart riesigen Gletscher heran zu kommen - das ist schon etwas ganz Besonderes und sorgte für ein erhebendes Glücksgefühl. Der Mensch erkennt, wie klein er ist - angesichts der Naturgewalten, die sich da direkt vor unseren Augen abspielten. Dass wir überhaupt zu diesem Gletscher vordringen konnten, ist eigentlich eine Sensation. Und zu sehen und zu hören, wie das Eis abbricht, wie die gesamte Wasseroberfläche von Eis bedeckt ist, wie die Zodiacs sich ihren Weg durch dieses Eis bahnen - all das war einfach nur beeindruckend und unvergesslich.

Allerdings wurden wir auch daran erinnert, dass – dem Klimawandel geschuldet – der Gletscher schneller schmilzt als je zuvor. Man bedenke nur einmal, was passiert, wenn das gesamte grönländische Inlandeis eines Tages schmelzen würde - es nimmt schon jetzt immer mehr ab. Der Meeresspiegel würde sich weltweit nach Berechnungen um zwei bis drei Meter anheben, was natürlich für sehr niedrig gelegene Gebiete katastrophal wäre. Und das Abschmelzen des Eises in Grönland, das versicherte mir dereinst der Polarforscher Arved Fuchs, ist unumkehrbar. Aber: Die Erde wird all das überstehen. Ob das auch für die Menschen gilt, weiß niemand.

Text: Dirk Kröger, Fotos: Claudia Emrich

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