15.10.2020

Abschied von der Albatros

MS Albatros
Hier liegt die Albatros vor Elba. Foto: Susanne Müller

Die Albatros, eines der beliebtesten Schiffe auf dem deutschen Kreuzfahrtmarkt, hat überraschend die Flotte von Phoenix Reisen aus Bonn verlassen. Der Geschäftsführung fiel dieser Schritt alles andere als leicht. Eigentlich sah der Plan so aus, dass im Jahr 2023 der 50. Geburtstag der „weißen Lady“ mit vielen Jubiläumsreisen gefeiert werden sollte. Nun ist es aufgrund der Coronakrise anders gekommen.
 

Die Reederei BSM und Phoenix Reisen teilten mit, dass für die Albatros eine neue Zukunft gefunden werden konnte, die das beliebte Schiff auch weiterhin im Tourismus hält. Kamel Abou-Aly, langjähriger Partner und Freund von Phoenix Reisen, hat das Schiff für die ägyptische "Pick Albatros Gruppe" (zu der allein in Ägypten mehr als 15 Hotels gehören) zum 20.Oktober 2020 gekauft. Die Albatros wird künftig als Hotelschiff im Roten Meer eingesetzt.

Geschäftsführer Benjamin Krumpen freut sich, dass die Albatros durch diesen Kauf auch weiterhin im Phoenix Reisen Programm buchbar sein wird und ist sicher: "Unsere Albatros war viele Jahre ein beliebter Bestandteil unserer Hochseeschiffflotte und wir sind traurig, dass wir uns aufgrund der Coronasituation auf diese Weise von ihr verabschieden müssen. Wir sind jedoch sehr froh, dass das Schiff eine touristische Zukunft hat und wir unseren Gästen Urlaub an Bord von MS Albatros, wenn auch unter anderem Namen, in Ägypten bieten können".

Mit der Amadea, der Amera, der Artania und der Deutschland verfügt Phoenix Reisen über vier weitere sehr beliebte und weltweit einsetzbare Hochseeschiffe. Die Albatros wird voraussichtlich am 19. Oktober Bremerhaven verlassen und nach Ägypten überführt. Das Schiff, 1973 als Royal Viking Sea zum ersten Mal in See gestochen, hat seit 2004 die Flotte von Phoenix Reisen bereichert und eine treue Fangemeinde erworben. Als erstes Schiff war die "Weiße Lady" Hauptprotagonistin vieler beliebter Folgen der ARD-Erfolgsserie "Verrückt nach Meer".

Lesen Sie hier eine Reportage, die in WELCOME ABOARD 2016 erschien. Eine Reportage von Gerlinde Tönnishoff über eine Weihnachtsreise mit der Albatros können Sie unserem Jahresmagazin 2020 lesen (hier geht‘s zur Bestellung).


                     Wo das Mittelmeer am schönsten ist

Auf Kletterwände, Zuzahlrestaurants, exklusive Spas und ein riesiges Unterhaltungsangebot können die Gäste der „Albatros“ gut verzichten. Sie wollen vor allem eines: die Welt entdecken und sich dabei wie zu Hause fühlen. Das gelingt auf der weißen Lady wirklich tadellos, hat Susanne Müller bei einer Kreuzfahrt durchs Mittelmeer festgestellt. 

 

Sieht so ein Gefängnis aus? – Olivenbäume, Oleanderbüsche, Rosmarin und Thymian überziehen die Berge in einer Sinfonie aus Farben und Duft. Das Meer leuchtet in allen Schattierungen von Aquamarin bis Türkisgrün. Ob Napoleon während seines zehnmonatigen Exils die Schönheit Elbas zu schätzen wusste? – Die Gäste der „Albatros“ jedenfalls genießen die Kostbarkeiten der grünsten Insel im Mittelmeer mit allen Sinnen. Im Sommer kommen bis zu 400.000 Touristen, aber jetzt im Mai haben sie Elba noch fast für sich alleine. 30.000 Menschen leben hier. „Im Winter sperrt kein Mensch seine Haustür ab, schließlich kennen wir uns alle!“, lacht Emilia. Die aparte Mailänderin kam vor 15 Jahren auf die Insel, lernte ihren jetzigen Mann kennen und blieb der Liebe wegen für immer.

Die Albatros vor Elba.

Der Bus hält kurz an einer der zwei Ampeln, die es auf Elba gibt, und fährt von der Hafenstadt Portoferraio einmal quer durchs Land in Richtung Süden. Von einem steilen Felsen aus sieht man in der Ferne eine kleine Insel aus dem Dunst auftauchen. „Das ist Monte Christo, bekannt aus dem Roman von Alexandre Dumas“, erklärt Reiseführerin Emilia. Nur tausend Menschen dürfen jedes Jahr auf das Naturreservat. Es gibt lange Wartelisten. „Letztes Jahr habe ich es zum ersten Mal geschafft, dorthin zu kommen“, seufzt die Italienerin und erinnert sich: „Das Meer rund um die Insel war rein wie Kristallwasser, aber baden durfte ich leider nicht. Nichts darf die Natur dort mehr stören.“

Weinprobe unter Olivenbäumen

Wenig später spaziert Emilia mit ihren Kreuzfahrern durch Porto Azzurro. Früher hieß der kleine Fischerort Longone, benannt nach dem Gefängnis, dass es dort gab. Weil niemand Urlaub in einem Dorf machen wollte, das so heißt, wie der auf der ganzen Insel bekannte Knast, wurde es kurzerhand umgetauft. Der neue Name passt sowieso viel besser. Urlauber schlendern hier durch pittoreske Gassen, kaufen getrocknete Kräuter für die Pastasoße zu Hause und lassen sich vom fantastischen Sahneeis verführen. Auf der Rückfahrt zum Schiff  hält der Bus am Weingut Tenuta La Chiusa. Ein von Olivenbäumen flankierter Kiesweg führt durch die Weinstöcke zum Gutshof. Dort ist eine große Tafel unter freiem Himmel eingedeckt. Es gibt Weißbrot mit feinstem Olivenöl, Käse, Schinken, Salami und dazu die fruchtigen Weine der Insel. „Dieser Ausflug war einfach spitze!“, sind sich alle Teilnehmer einig, als die „Albatros“ Elba am Nachmittag verlässt und Kurs in Richtung Sorrent nimmt.

Perfektes Timing auf Capri

Italiens Riviera ist nicht nur bei den Phoenix-Gästen beliebt. Etliche große Kreuzfahrtschiffe dümpeln vor Sorrent und nicht weit entfernt vor Neapel. Die Tender fahren zum Glück schon früh in die Hafenstadt, bevor der Run von den anderen Cruisern einsetzt. Am späten Nachmittag liegt die „weiße Lady“ dann vor Capri. Wieder perfektes Timing. Alle anderen Tagestouristen sind weg. Und auch die männlichen Passagiere atmen erleichtert auf. Denn ihre Gattinnen können die erlesenen Kreationen von Dior, Chanel, Louis Vuitton und Co. zwar im Schaufenster bewundern, die meisten Geschäfte schließen aber schon bald. Die Urlaubskasse ist erst mal gerettet…   

Lipari, die größte der Liparischen Inseln, beschert Besuchern genau das Gegenteil von Capri. Hier ist es weder mondän, noch begegnen einem Menschen mit Modelmaßen in Designeroutfits. Dafür scheint die Zeit auf der von Macchia überzogenen Vulkaninsel irgendwie stehen geblieben zu sein. Vielleicht ein Geheimtipp für Manager mit Burnout-Symptomen?

Mehr zu sehen gibt es am fünften Tag der Kreuzfahrt, die vom Mittelmeer bis in die Nordsee führt. Beim Buffet-Frühstück auf dem Lido-Deck läuft die „Albatros“ in den Naturhafen von Valletta auf Malta ein. Es ist Sonntag, und in den vielen Kirchen der Stadt wird Kommunion gefeiert. In ihren weißen Tüllkleidern sehen die süßen Malteserinnen aus wie kleine Prinzessinnen. Nicht minder herausgeputzt, stöckeln ihre Mütter in Kostüm und Highheels hinter ihnen her. 2018 ist Valletta Kulturhauptstadt Europas. Schon jetzt wird alles vorbereitet. Neue Fußgängerzonen entstehen, und vor dem ockerfarbenen Großmeisterpalast blühen 80.000 Petunien in den Farben Maltas.

Die Frankfurterin Gaby, die seit 26 Jahren auf der Insel der Kreuzritter lebt, nimmt Ausflugsgäste mit nach Mdina, der alten Hauptstadt Maltas. Nach gut 20 Minuten erreicht der Bus die 4000 Jahre alte Festung, in der nur Fußgänger zugelassen sind. „Verlaufen können Sie sich hier nicht, die von Mauern umgebene Altstadt ist nur 250 mal 250 Quadratmeter groß“, sagt Gaby und lässt ihre Schützlinge die mittelalterliche Stimmung in den engen Gassen auf eigene Faust erfahren. Sie selbst hat eine ganz besondere Beziehung zur Stadt. Sie hat in St. Paul’s Cathedral, der prächtigsten Kirche auf Malta, geheiratet. Der Legende nach bekehrte der Apostel Paulus den römischen Statthalter Publius an dieser Stelle zum Christentum. Noch heute sind die Namen Paulus und Paula auf der Insel die beliebtesten Namen der Einwohner.

Mystischer Tempel auf Gozo

Gozo, die kleine Nachbarinsel von Malta, ist für die meisten „Albatros“-Gäste noch ein weißer Fleck auf der Landkarte. Deswegen hat sich das Gros der Kreuzfahrer für eine Inselrundfahrt entschieden. Am Ende des Tages haben die Ausflügler einiges zu erzählen. Sie haben einen der ältesten freistehenden Tempel der Welt gesehen, älter noch als die Tempel Ägyptens. Und sie haben durchs Azure Window geblickt, dem wohl meist fotografierten Meeresfelsen auf Gozo.      

Die Ziele der Kreuzfahrt sind an jedem Abend das große Thema beim Abendessen. Aber auch vergangene Kreuzfahrten. 60 Prozent der Gäste dieser Reise waren schon einmal an Bord der „Albatros“. Und die restlichen 40 Prozent haben irgendwie auch das Gefühl, schon mal auf der „weißen Lady“ gewesen zu sein. Schließlich gibt’s „Verrückt nach Meer“! Zu den vielen Stammgästen, die bereits viel von der Welt bei „Albatros“-Kreuzfahrten gesehen haben, zählt Inge Troitzky. Als diese Reise im Hafen von Genua begann, mag sie vielleicht den Hauch eines Déjà-vu-Gefühls verspürt haben. Denn vor 65 Jahren war die gebürtige Boizenburgerin in Genua schon einmal an Bord eines Schiffes gegangen. Damals, 1949, war es ein Frachter ohne Kabinen, der die junge Frau, ihren Mann, ihre Schwiegermutter und ihre einjährige Tochter übers Meer brachte. „Frauen und Kinder waren in einem Lagerraum auf der einen Seite, die Männer auf der anderen Seite untergebracht“, erinnert sich Inge an die beschwerliche Überfahrt nach Australien. In Perth baute sich ihre kleine Familie eine neue Existenz am anderen Ende der Welt auf.

Das Abenteuer liegt ihr noch immer im Blut. Jedes Jahr fliegt die 91-Jährige alleine von Perth nach Deutschland, um Freunde und Familie zu besuchen. 2005 fuhr sie zum ersten Mal mit der „Albatros“  –  damals von Bremerhaven in die Arktis. „Seitdem bin ich schon siebenmal mit der ‚Albatros‘ unterwegs gewesen“, erzählt die Globetrotterin stolz. „Ich kenne viele Crewmitglieder und bin begeistert vom Unterhaltungsprogramm. Das wird jedes Jahr besser!“, lobt Inge und macht sich auf die Socken in Richtung Theater. „Halt! Moment noch! Verraten Sie Ihr Geheimnis, wie man so lange fit, gesund und reiselustig bleibt?“ – Inge lächelt verschmitzt. „Ich gehe jeden Morgen ins Fitnesscenter und esse am liebsten Reis und Ratatouille. Aber vor allem haben wir Australier jede Menge Humor!“

Panoramafahrten besonders beliebt

Den haben selbstverständlich auch die oft langjährigen Crewmitglieder der „Albatros“, die manchmal wie eine große Familie wirken. Bestens gelaunt präsentiert sich zum Beispiel das Reiseleiterteam. „Rund 60 bis 70 Prozent der Passagiere nehmen an den Ausflügen teil“, weiß Silke Ahrends, die das Bordreisebüro leitet. Am beliebtesten sind die Panoramafahrten – viel sehen, wenig laufen, lautet da die Devise. Ausgesucht und zusammengestellt werden alle Fahrten in der Phoenix-Zentrale in Bonn. Die 14 Reiseleiter der „Albatros“ begleiten die Touren zusammen mit den einheimischen Guides und schreiben Berichte, wie alles geklappt hat.

Obwohl die Qualität der Ausflüge bemerkenswert ist, sind sie im Vergleich zu anderen Reedereien ziemlich preiswert. „Mit vielen Agenturen an Land arbeiten wir schon seit etlichen Jahren zusammen. Manchmal kommt es sogar vor, dass unsere Gäste in kurzer Zeit Freundschaft mit den Guides schließen, und bei der nächsten Kreuzfahrt den- oder diejenige unbedingt wiedertreffen möchten“, erzählt Silke Ahrends. Die Kielerin arbeitet seit vier Jahren auf der „Albatros“. Ihr Lieblingsziel auf unserer Kreuzfahrt? – „Auf jeden Fall Ibiza! Dort war ich früher vier Sommer lang Reiseleiterin – ich liebe diese Insel!“, sagt die Norddeutsche. Auf Ibiza ist die erste Woche mit der „Albatros“ schon herum. Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit bei dieser Kreuzfahrt vergeht. „Viel gesehen und null Stress“ könnte das Motto heißen.

 

Fotos: Susanne Müller

 

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