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Auf den Spuren von „Opas Eisberg“:
Interview mit Stephan Orth

Stephan Orth: Reisejournalist, Autor und Lektor. Foto: Dirk Kröger

Sein Großvater nahm vor hundert Jahren an einer Expedition durchs grönländische Inland-Eis teil. Das bewog den ehemaligen Spiegel Online-Redakteur Stephan Orth dazu, selbst eine Expedition auf den Spuren seines Opas zu unternehmen. Und er schrieb das Buch „Opas Eisberg“.  Unser Autor Dirk Kröger traf Stephan Ort zum Interview während einer Grönland-Kreuzfahrt mit der „Hamburg“.

Herr Orth, Sie sind von Haus aus Reisejournalist. Wie schafft man da den Sprung zum erfolgreichen Autor?

STEPHAN ORTH: Ich habe bei Spiegel-Online gearbeitet, habe da zunächst ein Praktikum und dann ein Volontariat absolviert. Als ich Redakteur war, haben wir Sammlungen von Leser-Zuschriften als Bücher heraus gegeben – zum Beispiel  „Sorry, Ihr Hotel ist abgebrannt“ oder „Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt“. Das wurde zur Nummer eins der Bestseller-Listen. Dann gab es den Glücksfall einer einzigartigen Familiengeschichte in Grönland – das musste ich einfach aufschreiben. Inzwischen habe ich mich selbständig gemacht und arbeite hauptberuflich als Autor.

 

Muss man als Schriftsteller nicht auch stets Angst vor dem Scheitern haben?

ORTH: Klar, es wird schwierig, wenn zwei Bücher in Folge floppen. Aber ich kann ja als gelernter Redakteur immer noch für Magazine schreiben . . . 

 

Wir treffen Sie in Grönland. Und zu diesem Land haben Sie einen ganz besonderen Bezug.

ORTH: Mein Großvater hat vor hundert Jahren an einer Expedition durchs grönländische Inland-Eis teilgenommen. Seine Expedition war die zweite nach dem Team des Norwegers Fridtjof Nansen, der das gelang. Das hat mich unglaublich interessiert. Daraus ist dann eine eigene Expedition geworden und das Buch „Opas Eisberg“ entstanden.

Das müssen Sie uns genauer erklären.

ORTH: Ich habe im Haus meines Großvaters ein Tagebuch entdeckt. Und darin waren Aufzeichnungen einer kleinen Schweizer Expedition, die die Durchquerung und Vermessung des grönländischen Inlandeises zum Ziel hatte. Unter den Teilnehmern war eben auch mein Opa Roderich Fick, der die Leistung der Expedition schriftlich festgehalten hat. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, aber nach der Lektüre stand für mich fest, dass ich auf seinen Spuren wandeln will. Nach der Expedition damals ist ein Berg nach meinem Opa benannt worden, Ficks Bjerg, den haben wir mit der ganzen Familie besucht und erstiegen. Als wir oben waren, habe ich mir vorgestellt, wie die vier Expeditionsmitglieder da vor hundert Jahren runtergekommen sind:  nach 700 Kilometern lebensgefährlicher Extremtour. Und mir plötzlich sehr gewünscht, dass mein Opa sehen könnte, dass ich nun auf „seinem“ Berg stehe in dem Land, das er so geliebt hat. Und dann wollte ich eben die Expedition hundert Jahre später wiederholen. 

 

Aber Ihre eigene Expedition war nicht so erfolgreich wie die des Opas, oder?

ORTH: Das ist leider so. Wir mussten sie nach einigen Tagen abbrechen, weil zwei der Schlitten mit hochmoderner Karbonhülle kaputt gingen – bei den alten Holz-Schlitten vor hundert Jahren wäre eine Reparatur möglich gewesen, bei der modernen Technik geht das nicht. Aber es juckt mich sehr, die Expedition zu wiederholen – ich kann das so nicht stehenlassen. Wir haben das für das Jahr 2019 angepeilt,  dann ist zur Vorbereitung wieder einiges an Kraft- und Ausdauertraining angesagt. 

 

Opas Eisberg und der eigenen Expedition folgten die Bücher „Couchsurfing im Iran“ und „Couchsurfing in Russland“. Wie sind Sie auf diese Ideen gekommen?

ORTH: Ich bin seit zwölf Jahren Mitglied bei couchsurfing.com und nutze das seitdem auf jeder Reise.  Im Iran habe ich als Couchsurfer festgestellt, was für eine Wahnsinns-Geschichte das ist. Da prallen zwei Welten aufeinander, die im privaten und die im öffentlichen Bereich. Fast alles, was offiziell verboten ist, wird hinter verschlossenen Türen getan. Und selbst die Tatsache, dass ich bei Menschen in ihren Wohnungen übernachtet habe, hätte Probleme geben können, denn es ist verboten, Ausländer ohne eine Registrierung bei der örtlichen Polizei zu beherbergen. Manchmal musste ich mich förmlich in die Häuser hinein schleichen . . . Bei Russland fand ich spannend, dass die Informationslage so verwirrend ist – da wollte ich mir selbst ein Bild machen. Ich habe viel Zeit mit den ganz normalen Menschen verbracht, ihre Denkweisen, ihre Sehnsüchte und ihre Vorlieben kennengelernt. Am Ende verstand ich sogar ein bisschen, was Putins Popularität im Land ausmacht – wobei ich natürlich mit seiner Außenpolitik und medialer Manipulation weiterhin große Probleme habe. 

 

Welche nächsten Projekte sind geplant?

ORTH: Im Oktober ist gerade erst ein Bildband über den Iran bei National Geographic erschienen. Nächstes Jahr will ich eine neue Reise für das nächste Couchsurfing-Buch antreten. Aber es ist noch offen, in welches Land ich reise. Klar ist aber, dass es nicht Dänemark oder Frankreich sein werden.

 

Sie arbeiten hier an Bord eines Kreuzfahrtschiffes als Lektor. Haben Sie da nicht irgendwie die Seiten gewechselt?

ORTH: Ich bin schon zum dritten Mal auf der „Hamburg“  dabei, für mich ist das wie eine Vortrags-Tour. Ich mache sehr gern Lesungen und Multimedia-Vorträge. Und hier ist natürlich das Interesse des Publikums besonders groß, weil wir einige Orte besuchen, die in meinem Buch vorkommen. An Bord übernehme ich außerdem noch so etwas wie Reiseleiter-Aufgaben. Ich sehe da keinen Konflikt, weil ich Grönland sehr schätze und diese Leidenschaft gern weitergebe.

 

Fühlen Sie sich denn bei einer derartigen Kreuzfahrt nicht wie ein großer Exot?

ORTH: Ich habe das Gefühl, die Zuhörer finden es gerade interessant, dass ich aus einer anderen Reise-Welt komme. Zum Beispiel, wenn ich auf Grönland-Reisen über meine eigenen Erlebnisse auf einer Inlandeis-Expedition oder abenteuerliche Wandertouren an der Ostküste berichte. Oft hatte ich auch tolle Gespräche mit Passagieren, die vor einigen Jahrzehnten selbst mit dem Rucksack durch Südamerika oder mit dem Motorrad durch den Iran gereist sind.

 

Und welches ist Ihr persönliches Lieblings-Reiseziel?

ORTH: Wenn es die Landschaft und die Natur-Erfahrung betrifft, dann ist es eindeutig Grönland. Und wenn es um die Herzlichkeit der Menschen geht, dann ist der Iran meine Nummer eins.

 

Da liegen aber nicht Ihre Lieblings-Häfen, oder?

ORTH: Bei den Häfen schwärme ich von den griechischen Inseln – jeder einzelne Hafen da ist wunderschön und muss erlebt werden.

 

Auf so einem Schiff wie der „Hamburg“, wo gefällt es Ihnen da am besten?

ORTH: Ganz klar auf dem Außendeck am Bug mit Blick nach vorn. Ich verbringe viel Zeit an der Reling und genieße einfach die Aussicht. Mehr Unterhaltungs-Programme brauche ich nicht.

 

Noch einmal zurück zu Ihrer Reise-Philosophie. Warum eigentlich Couch-Surfing?

ORTH: Ich finde Menschen interessanter als Sehenswürdigkeiten. Bei sonstigen Reisen trifft man hauptsächlich Leute, die dafür bezahlt werden, dass sie nett zu mir sind. Auf der Couch geht es nur darum, sich gegenseitig Zeit und Neugier zu schenken, ohne finanzielle Hintergedanken. Übrigens biete ich auch selbst Couch-Surfing bei mir daheim in Hamburg an. Ich hatte schon viele Gäste aus Europa, vor allem aus Ost-Europa und zuletzt aus Kolumbien. Ich finde es besonders interessant, wenn meine Gäste aus exotischen Ländern kommen.

 

Sie reisen gern in Länder, die – drücken wir es vorsichtig aus – nicht von allen Menschen als sicher angesehen werden. Wie wäre es jetzt mit einer Türkei-Reise?

ORTH: Oft wird leider eine Geschichte umso interessanter, je mehr ich riskiere, da muss ich ständig abwägen. Noch vor ein paar Wochen war ich in Istanbul. Da ich selbst bislang keine Texte über die Türkei veröffentlicht habe, finde ich das Risiko vertretbar. Die Lage für regierungskritische türkische Journalisten ist in ihrem Land erheblich ernster. Grundsätzlich habe ich keine Probleme damit, in Länder zu fahren, deren Regierung mir nicht gefällt. Weil ein Reise-Boykott oft genau die Falschen schädigt. Und weil ich vor Ort spüre, wie dankbar die Menschen dafür sind, wenn ein Besucher aus dem Ausland sich bemüht, sich sein eigenes Bild von der Lage zu machen.

 

Über Stephan Orth:

Stephan Orth arbeitete neun Jahre als Redakteur im Reiseressort von Spiegel Online, bis er sich 2016 als Buchautor selbständig machte. Sein Interesse an fernen Ländern liegt in der Familie: Orts Großvater durchquerte mit einer Schweizer Expedition im Jahr 1912 das grönländische Inlandeis. Hundert Jahre später stieß Orth auf das Tagebuch seines Opas – und beschloss, auf seinen Spuren ebenfalls eine abenteuerliche Grönlandreise zu wagen. Davon erzählt er in seinem Buch "Opas Eisberg", erschienen bei Malik/National Geographic. Außerdem ist Orth Autor des Bestellers "Couchsurfing im Iran", in diesem Jahr erschien "Couchsurfing in Rußland". Für seine Reportagen wurde er mehrfach mit dem Columbus-Preis ausgezeichnet. Mehr Informationen über den Reisejournalisten und Autor gibt es auf seiner Homepage www.stephan-orth.de

 

Eine Reportage von Dirk Kröger über seine Grönlandreise mit der „Hamburg“ lesen Sie im Kreuzfahrtmagazin WELCOME ABOARD 2018.  Hier geht es zur Bestellung: http://welcome-aboard.de/shop/magazin-kalender-bestellung


13.12.2017

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